Erdogans Auftritt in Berlin: „Ihr seid alle europäische Türken“

Erdogans Auftritt in Berlin
„Ihr seid alle europäische Türken“

Der türkische Premier Erdogan ist politisch angeschlagen. Doch beim Besuch in Berlin blendet er die Probleme aus. Im Tempodrom spricht er über Integration und verspricht seinen Anhängern: „Die Türkei ist in Sicherheit“.

BerlinRecep Tayyip Erdogan lässt auf sich warten. Mit eineinhalb Stunden Verspätung betritt er die Bühne. Jubel bricht aus. „Steh aufrecht. Lass dich nicht unterkriegen. Dein Volk ist mit dir“, ruft ihm die Menge zu. Rund 4000 Menschen sind am Dienstagabend ins Berliner Tempodrom gekommen, um eine Rede des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zu hören. Der 59-Jährige war für einen Arbeitsbesuch nach Berlin gereist. Am Mittag hatte er Kanzlerin Angela Merkel getroffen, die ihre Vorbehalte gegen eine EU-Vollmitgliedschaft der Türkei bekräftigte. Am Abend stand eine Wahlkampfrede auf dem Programm.

Im Tempodrom ziehen sich neun Banner um die Geländer der Ränge, sieben davon mit türkischen Slogans. Nur einer der Sprüche, „Respekt für Demokratie“, ist auf Deutsch und Englisch zu sehen. „Berlin trifft den großen Meister“, so hatte der Organisator, die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die abendliche Veranstaltung genannt.

Tatsächlich stehen die Anhänger Erdogans und seiner Partei AKP bereits ab dem frühen Nachmittag vor den Türen des Tempodrom. Ungeduldig warten sie auf den großen Auftritt, endlich hineingelassen breiten einige von ihnen Servietten aus und beginnen in den Gängen zu beten.

„Ich weiß, dass ihr die Ereignisse in eurem Land verfolgt“, sagt Erdogan, endlich am Rednerpult angekommen. „Die Türkei ist in Sicherheit.“ Erneuter Jubel. „Allahu Ekber“, rufen seine Zuhörer. Nichts anderes wollen sie ja hören.

Die 63-jährige Fadime steht mitten unter den Zuhörer. Ihr ist es völlig egal, was Erdogan sagt. „Ich unterstütze ihn voll und ganz“, sagt sie. „Ich glaube die ganzen Lügen nicht, die über ihn verbreitet werden.“ Umut hingegen, 26 Jahre alt, würde gerne etwas mehr über die aktuelle politische Situation erfahren. „Der hat ja heute mit Politikern gesprochen. Ich würde gerne wissen, wie es um den EU-Beitritt steht und wie er die politische Lage in der Türkei erklärt.“

Erdogans Auftritt erfolgt ein knappes halbes Jahr nachdem seine Regierung die Proteste im Gezi-Park und auf dem Taksim Platz in Istanbul mit brutaler Härte niederschlagen ließ. Und inmitten des größten Korruptionsskandals in der Geschichte der Türkei. Die Wirtschaft schwächelt. Viele der Reformen wurden rückgängig gemacht, die Unabhängigkeit der Justiz mittlerweile arg beschnitten. Seit Beginn der Korruptionsaffäre vor sechs Wochen sind vier Minister zurückgetreten, sechs Abgeordnete haben die islamisch-konservative Partei verlassen, Hunderte Polizisten und Staatsanwälte sind entlassen worden oder versetzt. Doch auf der Bühne im Tempodrom gibt sich Erdogan stolz als Wahlkämpfer.

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„Wir haben gehört, was wir hören wollten“

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