Erfolg durch freie Arbeitszeiten und exzellente Betreuung
Holland kämpft für eine höhere Kinderzahl

Die Zauberworte in den Niederlanden heißen Teilzeit und private Kinderbetreuung. Beides hat dazu geführt, dass die Geburtenrate im Königreich von 1990 bis 2004 von 1,6 auf 1,74 Kinder pro Frau gestiegen ist. Gleichzeitig verdoppelte sich die Anzahl arbeitender Mütter mit minderjährigen Kindern von 30 auf 60 Prozent.

DEN HAAG. Die Niederlande haben das geschafft, von dem ihre Nachbarn nur träumen: Sie bekämpfen die Vergreisung der Gesellschaft nicht nur mit Einwanderung, sondern haben auch den Rückgang der Geburtenraten zunächst gestoppt. Das gelingt der Den Haager Regierung mit einer aktiven Familienpolitik, die den Frauen erlaubt, Kind und Beruf miteinander zu verbinden. Die meisten Familien kombinieren am liebsten eine Voll- mit einer Teilzeitstelle. Seit den 90er-Jahren setzen die Niederlande auf Teilzeitarbeit. Sie genießt soziale Absicherung und der Kündigungsschutz gilt genauso wie für volle Stellen. 80 Prozent aller verheirateten Frauen arbeiten mittlerweile in solchen Jobs. Nur noch jeder zweite Niederländer arbeitet regelmäßig in den Kernzeiten zwischen 9 und 17 Uhr.

Gleichzeitig wurde das Betreuungsangebot vor allem für Kleinkinder weiter ausgebaut. Die Anzahl von Betreuungsplätzen hat sich in den vergangenen 15 Jahren versechsfacht. Die Verstärkung der Kinderbetreuung hat einen Nebeneffekt: Sie ist zu einem lukrativen Wirtschaftszweig geworden. Zwar mussten im vergangenen Jahr einige Betriebe Konkurs anmelden, der Gesamtumsatz liegt aber noch immer bei rund einer Milliarde Euro im Jahr.

Immer beliebter ist die so genannte "brede school" (breite Schule), die Grundschule und verschiedene Betreuungseinrichtungen unter einem Dach zusammenfasst. Die Eltern müssen sich so keine Sorgen machen, wie ihr Kind den Weg von der Schule in die Nachmittagsbetreuung schaffen soll. Diese Einrichtungen werden fast ausschließlich von privatwirtschaftlichen Unternehmen geführt. Ein Gesetz, das zu Beginn dieses Jahres in Kraft getreten ist, legt qualitative Standards fest. So ist zum Beispiel die Ausbildung des Personals und die Spielfläche pro Kind vorgeschrieben. Außerdem regelt das Gesetz die Finanzierung der Betreuung. Eltern mit geringen Einkommen bekommen eine größere staatliche Unterstützung. Grundsätzlich ist der Arbeitgeber verpflichtet, ein Sechstel der Kosten zu tragen.

Die derzeitige Schwäche der niederländischen Wirtschaft ist für die Kapazitäten zur Kinderbetreuung sogar von Vorteil: Weil auch viele Frauen arbeitslos geworden sind, kümmern sie sich wieder selbst um ihren Nachwuchs. So gibt es für Kindergärten keine Wartelisten mehr.

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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