Erkenntnisse der Polizei
„Wir gehen von einem klassischen Amokläufer aus“

Kein IS-Bezug, kein politisches Motiv: Für die Polizei ist der 18-Jährige, der in München neun Menschen und sich selbst erschoss, ein Amokläufer. Die Stadt gedenkt der Opfer – es sind hauptsächlich Jugendliche.

Am Samstagmittag war das Bild schon klarer. Wieder trat Polizei-Präsident Andrä in seinem Präsidium in der Nähe des Marienplatzes vor die Presse. In der Nacht hatten in dem Gebäude etwa 100 verängstigte Passanten Schutz gefunden.

Über den Schützen weiß man inzwischen mehr: Er war Schüler, 18 Jahre alt, in München geboren und lebte mit Bruder und Eltern in Einer Wohnung in der Innenstadt. Vor der Tat hatte er sich intensiv mit dem Thema Amokläufe beschäftigt. So hatte er das Buch „Amok Im Kopf: Warum Schüler töten“ bei sich daheim sowie Zeitungsartikel, die sich mit der Thematik beschäftigen. Es war also möglicherweise kein Zufall, dass er seine Tat am fünften Jahrestag des Massakers von Anders Breivik beging. Der Münchener Schütze könnte sich mit dem Fall beschäftigt haben, sagte Andrä. „Da muss man kein großer Weissager sein.“

Klar ist damit auch: Einen islamistischen Hintergrund gibt es nicht. „Wir gehen von einem klassischen Amokläufer ohne jegliche politische Motivation aus“, betonte Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch. Auch LKA-Präsident Robert Heimberger sieht keinen IS-Bezug. Dagegen gibt es Hinweise, dass der Täter in psychiatrischer Behandlung wegen Depressionen gab. Auch das passt ins Bild des Amokläufers.

Offenbar hatte der Täter versucht, Jugendliche zum Tatort zu locken, indem er einen Facebook-Account hackte und dazu aufrief, zu dem Schnellrestaurant zu kommen. Zum Tatort kam er dann mit einer Neun-Millimeter-Pistole und weit mehr als 300 Schuss Munition.

Ermittlern und Polizisten war die Anstrengung der Nacht anzusehen. Rund 2300 Einsatzkräfte waren in der Nacht im Einsatz. Man habe keine Alternative gehabt, als frühzeitig Alarm zu schlagen, betonte Polizei-Präsident Andrä. Mehr als 4300 Notrufe gingen während des Einsatzes bei der Polizei ein – da müsse man vom schlimmsten, realistischen Szenario ausgehen. Meldungen über Schüsse an anderen Stellen der Stadt hatten sich im Nachhinein als falsch herausgestellt.

München gedachte an diesem Samstag auch der Opfer. Drei der Toten sind erst 14 Jahre alt. Zwei Opfer waren 15, eines 17, eines 19, eins 20 und eins 45. Hinzu kam als zehnter Toter der 18-jährige Amokläufer. Viel weiß man noch nicht über ihn. Die Eltern, auch sie haben ein Kind verloren, waren noch kaum vernehmungsfähig.

In München fragen sich nun viele, wie sicher das Oktoberfest ist. Zwar betonte Andrä, dass die Stadt nun nicht gefährlicher geworden sei. Doch werde man die Nacht natürlich genau analysieren und Einsatzpläne überprüfen. Noch aber ist es zu früh für schnelle Schlüsse, auch das hat die Amoknacht von München gelehrt.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München
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