Ermittlungen gegen Netzpolitik-Journalisten

„Wir lassen uns nicht einschüchtern“

Ermittlungen gegen Journalisten wegen Landesverrats sind eine Seltenheit. Doch genau diesen Vorwurf erhebt der Generalbundesanwalt gegen den Blog Netzpolitik.org. Der Deutsche Journalistenverband zeigt sich empört.
Update: 30.07.2015 - 21:59 Uhr 9 Kommentare
Wegen Landesverrats erhebt der Generalbundesanwalt Anklage gegen den Gründer des Blogs Netzpolitik.org, Markus Beckedahl (Foto), sowie den Netzpolitik-Autor André Meister. Quelle: dpa
Netzpolitik.org

Wegen Landesverrats erhebt der Generalbundesanwalt Anklage gegen den Gründer des Blogs Netzpolitik.org, Markus Beckedahl (Foto), sowie den Netzpolitik-Autor André Meister.

(Foto: dpa)

BerlinDer Generalbundesanwalt wirft Journalisten des Blogs Netzpolitik.org Landesverrat vor und ermittelt. Darüber informierte die oberste Ermittlungsbehörde die Blogger in einem Brief, den Netzpolitik.org am Donnerstag veröffentlichte. Es geht um die Veröffentlichung von Informationen und Dokumenten des Bundesamts für Verfassungsschutz. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, schrieben die Blogger. Der Generalbundesanwalt hatte die Blogger über die Anzeige in einem Brief informiert, den Netzpolitik.org veröffentlichte. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) sprach von einem Angriff auf die Pressefreiheit.

Die Bundesregierung wolle mit den Anzeigen wegen Landesverrats die Wahrheit über die deutsche Verstrickung in den NSA-Skandal unterdrücken, sagte der Gründer von Netzpolitik.org, Markus Beckedahl ARD-aktuell. Es werde zunehmend klar, dass die Bundesregierung „knietief im Sumpf von NSA und Co“ stecke.

„Wir haben jetzt den Verdacht, dass sie durch solche Strafanzeigen (wegen Landesverrats) scharf schießen gegen diejenigen, die dazu beitragen wollen, diesen größten Überwachungsskandal in der Geschichte der Menschheit mit aufdecken zu wollen“, fügte Beckedahl hinzu. Netzpolitik.org werde seine Arbeit fortsetzen und begrüße „weitere Dokumente, die beweisen, wie unsere Geheimdienste, (...) ohne dass wir als Gesellschaft darüber diskutiert haben, das Internet zu einer globalen Totalüberwachungsmaschinerie (...) umgebaut hat.“

Netzpolitik.org hatte in zwei Artikeln Pläne des Verfassungsschutzes zum Ausbau der Internet-Überwachung beschrieben. Dazu veröffentlichte der Blog Auszüge von Dokumenten des Inlandsgeheimdienstes. Der Verfassungsschutz selbst habe Anzeige erstattet, heißt es im Schreiben des Generalbundesanwalts. Die Bundesanwaltschaft war zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Dem Schreiben zufolge wird gegen Beckedahl und gegen Autor André Meister ermittelt.

Netzpolitik.org ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Blogs und wurde 2014 mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet. Die Blogger setzen sich für digitale Bürgerrechte ein. Sie berichten unter anderem in Echtzeit aus dem Geheimdienst-Untersuchungsausschuss des Bundestages.

Der DJV verurteilte die Ermittlungen scharf. Das Vorgehen sei ein „unzulässiger Versuch, zwei kritische Kollegen mundtot zu machen“, sagte der Bundesvorsitzende Michael Konken. Er forderte den Generalbundesanwalt auf, die Ermittlungen einzustellen.

Der Fall weckt Erinnerungen an die „Spiegel-Affäre“. Das Nachrichtenmagazin hatte 1962 unter dem Titel „Bedingt abwehrbereit“ Informationen veröffentlicht, wonach die Bundeswehr für einen Atomkrieg nicht gerüstet sei. Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) schäumte, gegen das Magazin wurde wegen Landesverrats ermittelt. Der Bundesgerichtshof lehnte ein Verfahren schließlich ab, und der „Spiegel“ ging gestärkt aus der Affäre hervor.

  • dpa
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9 Kommentare zu "Ermittlungen gegen Netzpolitik-Journalisten: „Wir lassen uns nicht einschüchtern“"

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  • Dass der politisch schläfrige deutsche Michel rechtzeitig aufwacht, daran kann ich nicht glauben, Frau Müller. Man schaue sich nur mal die "Zufriedenheitswerte" der großen Koalition an. Kritische Durchblicker können da nicht befragt worden sein. Aber mal Hand auf's Herz: Wer von uns Diskutanten und wer in unserem Umfeld schreibt denn (z. B. per E-Mail) seinen Unmut zu diesem Thema oder zu dem nicht enden wollenden Skandal um die wirkungslosen Euro-"Rettungs"-Pakete auch nach Berlin an die Kanzlerin [angela.merkel@bundestag.de], die involvierten Minister mail@heiko-maas.de und wolfgang.schaeuble@bundestag.de und vor allem an den für ihn zuständigen MdB… - vorname.zuname@bundestag.de?

  • Unglaublich, wo leben wir denn! Da sind sie flott und wenn es um wirklich kriminelle Dinge geht dann bekommen wir keine Aufklärung!!!!

    Es ist die Aufgabe der Journalisten Hintergründe aufzudecken und schon fühlen sich die Staatsdiener bedroht!

    HALLO schon vergessen, wir sind der Staat und wir haben das Recht zu wissen was in diesem Staat wie und wann entschieden wird!

    Es geht wohl kaum noch schlimmer und ich hoffe sehr, dass der Michl endlich aufwacht bevor es zu spät ist und wir in einer Spitzelnation leben!

  • " Wir lassen uns nicht einschüchtern" LOL
    Das wird schon gemacht, in dem dieser Artikel irgendwo in der Versenkung steht.

    Menschen wie H. Albers werden es NIE begreifen, dass sofern ein
    - demokratischer Rechtsstaat existiert hat, nun DIKTATUR herscht

    Mir liegen Beweise vor, dass die Justiz Weisungsgebunden wie im Naziregime
    sich Selbs und seines Gleiches schützt.

    - CDU ermittelt, wer an Varoufakis Geheimnisse verraten hat
    - Dieser wird auch wegen Landesverrat angeklagt
    - Geheimnisverrat begeht jeder der gegen öff.Personen etwas rausgibt
    - Landesverrat begeht jeder der diese Information verwendet

    Wann begreift der D-Bürger, dass er erneut Nazis züchtet???

  • @ Fred Meisenkaiser,
    "Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf!!! "
    Das erklärt die EU und den Euro. Beide sind in einer Demokratie unmöglich.

  • @ Fred Meisenkaiser,
    "Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf!!! "
    Korrekt - das muss nur noch der wählende Deutsche Michel begreifen.

  • "erwecken ein Stück weit den Eindruck, als wären Sie politisch intrumentalisiert."
    Sind sie das nicht? Wie hat dieser Pofalle gesagt? Die NSA-Affäre ist beendet. Er hat dazu gar keine Ermittlungsbehörden gebraucht.

    Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf!!!

    Und wir alle unternehmen nichts gegen den Überwachungsstaat, gegen die Allmacht der Banken, Konzerne und ihrer Marionetten!

  • "Unsere machthaber unternehmen nichts gegen die Spionage durch die NSA!"

    Unsere Staatsanwaltschaft und Sicherheitskräfte, die "keinen Grund für weitere Ermittlungen sehen" erwecken ein Stück weit den Eindruck, als wären Sie politisch intrumentalisiert. Das kann nicht sein: Dem muss man entgegentreten.

  • "Der Generalbundesanwalt wirft Journalisten des Blogs Netzpolitik.org Landesverrat vor und ermittelt."

    Es wirkt äußerst befremdlich, wenn gegen einen Blogger mit Feuereifer bis zur bittersten Konsequenz ermittelt wird, wenn gleichzeitig mit äußerster Rücksicht und Vorsicht in der Kausa NSA und NSU vorgegangen wird. So etwas kann lediglich als Einschüchterungsversuch gewertet werden. Ein Rechtsstaat darf sich solch zwielichtiges und durchsichtiges Vorgehen nicht leisten, zumal Undemokraten in ihren Löchern nur darauf warten, dass sich die Demokratie selbst diskreditiert.

    Man kann die freiheitlich demokratische Grundordnung nicht verteidigen, wenn der Staat sich diese ähnlich selbstgerecht wie Putins Regime verhält.

  • Unsere machthaber unternehmen nichts gegen die Spionage durch die NSA!
    Eigentlich ist dies Hochverrat!
    Nun aber verfolgt man die, die genau dies anprangern.
    So ist es, wenn man sich den Gewinninteressen der US-Konzerne entgegenstellt. Sofort werden die Hunde losgelassen.
    Guter Vorgeschmack auf TTIP und TISA!

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