Ermittlungen nach Feuer
Gesucht: Dunkler deutscher Neonazi

Die Brandkatastrophe in Ludwigshafen sorgt in der Türkei für Aufregung: Viele vermuten einen rechtsradikalen Hintergrund und fühlen sich an frühere Neonazi-Anschläge erinnert. Heute will sich sogar Ministerpräsident Erdogan den Unglücksort ansehen.

ISTANBUL. Faruk Sen, den Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien, plagt eine schlimme Vision: Noch gebe es zwar keine konkreten Hinweise, dass die Feuerkatastrophe von Ludwigshafen das Werk eines Brandstifters sei. „Aber ich mag mir die Konsequenzen gar nicht ausmalen, falls es sich um einen rassistischen Angriff handeln sollte“, sagte Sen der Istanbuler Zeitung „Zaman“.

Manche türkischen Blätter scheinen die Brandstiftung geradezu herbeischreiben zu wollen: „Nazi-Verdacht“, titelte die Boulevardzeitung „Sabah“. Auch die Zeitung „Yeni Safak“ glaubt den mutmaßlichen Täter eingekreist zu haben: Die Polizei suche jetzt nach einem „dunkelhaarigen Nazi“. Wie „Yeni Safak“ garnieren auch andere türkische Zeitungen ihre Berichterstattung über die Brandkatastrophe mit Hakenkreuzen. Viele Blätter erinnern an die Brandanschläge, bei denen Anfang der 1990er Jahre in Mölln und Solingen mehrere Türken getötet wurden. Die Täter kamen aus der Neonazi-Szene.

An die damaligen Verbrechen erinnerte jetzt auch Ministerpräsident Tayyip Erdogan: „Wir wollen kein neues Solingen.“ Der Premier will heute Abend den Brandort in Ludwigshafen besuchen, bevor er morgen in Berlin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammentrifft. Zuvor hatte er sich ausbedungen, dass türkische Experten an den Ermittlungen der Brandursache beteiligt werden. Sie halten sich unter Führung des für die Auslandstürken zuständigen Staatsministers Mustafa Sait Yazicioglu bereits seit Dienstagabend in Ludwigshafen auf.

Das stößt allerdings nicht nur beim Bund der Kriminalbeamten auf Kritik, dessen Chef Klaus Jansen das als „völlig unüblich“ bezeichnet. Auch die türkischstämmige Bundestagsabgeordnete Lale Akgün (SPD) warf Erdogan vor, die Entsendung türkischer Ermittler sei „rein innenpolitisch motiviert. Erdogan will zuhause punkten“. Den türkischen Medien warf die Politikerin vor, sie belasteten mit ihren „Vorverurteilungen“ das deutsch-türkische Verhältnis. Ein EU-Diplomat in Ankara meinte, Teile der türkischen Presse schlügen jetzt auch deshalb anti-deutsche Töne an, um Kritik der EU an Defiziten bei der Meinungsfreiheit und mangelnder Religionsfreiheit für Christen in der Türkei zu konterkarieren.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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