Erneuerbare Energien
Brüderle kritisiert Schieflage bei der Stromerzeugung

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FPD) will die erneuerbaren Energien besser in den Strommarkt integrieren und so gegen das Phänomen „negativer Strompreise“ vorgehen. Dieses belastet Stromverbraucher mit hohen Kosten. Nun soll der Ökostrom „bedarfsgerechter eingespeist und an den Wettbewerbsmarkt herangeführt werden“.
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BERLIN. Der Minister begründet seinen Vorstoß mit einem Gutachten des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Uni Köln (EWI), das dem Handelsblatt vorliegt. Das Papier befasst sich mit dem Phänomen „negativer Strompreise“, die Stromverbraucher mit hohen Kosten belasten.

Warnschuss zu Weihnachten

Das Thema sorgt seit Monaten für Diskussionen. Weil der Ausbau der Windkraft rasch vorangeht, gibt es an windreichen Tagen mittlerweile Situationen mit massivem Stromüberangebot. Um die Stabilität des Netzes nicht zu gefährden, muss der Strom unter allen Umständen losgeschlagen werden. Dabei reicht es nicht, ihn zu verschenken: In Extremsituationen bekommen Stromkäufer je abgenommener Kilowattstunde noch Geld dazu.

Ein Beispiel: Allein am zweiten Weihnachtstag vergangenen Jahres wurden 400 000 Megawattstunden (MWh) Windstrom an der Leipziger Strombörse EEX gehandelt, für die die Verkäufer je MWh 35 Euro an die Abnehmer zahlen mussten, macht in der Summe 14 Mio. Euro. Auch in diesem Jahr gab es nach Angaben des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz bereits an drei Tagen insgesamt sieben Stunden mit negativen Preisen.

Ausschlaggebend für diese Entwicklung ist einerseits der Einspeisevorrang für erneuerbare Energien: Wind- oder Sonnenstrom werden privilegiert behandelt, sie werden immer ins Stromnetz eingespeist – unabhängig vom tatsächlichen Bedarf. Andererseits lassen sich konventionelle Kraftwerke oft nicht schnell genug vom Netz nehmen, wenn es zu einem Stromüberangebot kommt.

Im Umfeld Brüderles heißt es, die Entwicklung stehe für eine „massive Schieflage“ in der Stromerzeugungslandschaft. Mit dem Ausbau der Erneuerbaren würden solche Situationen tendenziell häufiger auftreten. Es sei dringend erforderlich, für Abhilfe zu sorgen.

Ziel der Bundesregierung ist es, den Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung von derzeit 16 Prozent bis 2020 auf mindestens 30 Prozent auszubauen. Damit wird der Teil der Stromerzeugung, der von schwankenden Faktoren wie etwa dem Wetter abhängt, stark zunehmen. Im Gegenzug muss der konventionelle Kraftwerkspark flexibler werden. Auch müssen Möglichkeiten geschaffen werden, um Strom zu speichern. Aber auch bei den Erneuerbaren sind Anpassungen erforderlich. Im Wirtschaftsministerium heißt es, der Öko-Strom müsse „bedarfsgerechter eingespeist und an den Wettbewerbsmarkt herangeführt werden“.

Marktorientierung gefordert

Im EWI-Gutachten heißt es dazu, eine „stärkere Marktorientierung“ der Erneuerbaren sei unumgänglich. Die Autoren schlagen vor, die Öko-Strom-Produzenten stärker als bislang dazu zu motivieren, den Strom selbst direkt zu vermarkten. Damit stellen sie den Einspeisevorrang in Frage – ein heikles Thema. Denn Union und FDP haben noch in ihrer Koalitionsvereinbarung den „unbegrenzten Einspeisevorrang“ festgeschrieben.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

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