Erster Erfahrungsbericht – Forschung profitiert
Stammzellgesetz besteht Bewährungsprobe

Ist die deutsche Bioforschung auf den Tabubruch angewiesen, um weiter in der internationalen Spitzengruppe mitzumischen? Nein – das legen zumindest die bisherigen Erfahrungen mit dem seit Juli 2002 geltenden Stammzellgesetz nahe. Dieses erlaubt, um neuen Verbrauch von Embryonen zu Forschungszwecken zu verhindern, nur die Einfuhr von vor dem 1. Januar 2002 gewonnenen Stammzellenlinien.

BERLIN. Gleichwohl, das belegt der im Juli vorgelegte Erfahrungsbericht der Regierung, hat das Gesetz der deutschen Forschung geholfen. Seit seinem Inkrafttreten genehmigte das Robert-Koch-Institut fünf Anträge auf Einfuhr von aus Embryonen gewonnenen Zellen. Das Gesetz wurde geschaffen, um das prinzipielle Tötungsverbot für menschliche Embryonen nach dem Embryonenschutzgesetz mit dem Interesse an der Erforschung dieser in nahezu alle Zelltypen des Körpers umwandelbaren Zellen für die Medizin in Einklang zu bringen.

Bislang ist die Forschung in diesem Bereich weit entfernt von der Anwendungsreife. So ist es bislang nicht einmal möglich, die Stammzellen dazu zu bringen, sich nur in einen bestimmten Zelltyp – beispielsweise Blutzellen – zu differenzieren. Vielmehr entstehen bei dem Versuch der gezielten Vermehrung immer auch andere Zellen, die bei einer Übertragung in den menschlichen Körper Tumore bilden können.

Die Forschung mit embryonalen Zellen bildet nicht den Schwerpunkt deutscher Stammzellforschung. Dieser liegt vielmehr bei den ethisch unproblematischeren Stammzellen aus Nabelschnurblut, den Stammzellen von Erwachsenen (adulten Stammzellen) und tierischen Stammzellen. So werden bei den derzeit von der Bundesregierung mit 5,6 Mill. Euro geförderten Stammzellprojekten nur bei dreien von 18 aus menschlichen Embryonen gewonnene Zellen eingesetzt. Im Bundesforschungsministerium hält man eine Novelle des Gesetzes in Zukunft für erforderlich. Ein Grund ist die „schlechte“ Qualität der vor 2002 gewonnenen Stammzellenlinien. Für ihre Züchtung wurden tierische Helferzellen eingesetzt, die inzwischen durch menschliche Zellbestandteile ersetzt werden können. Sollte die Forschung ein anwendungsreifes Stadium erreichen, müsste daher rechtzeitig zumindest über eine Erweiterung der Importerlaubnis auf neuere Stammzellenlinien oder gar eine Genehmigung des therapeutischen Klonens nachgedacht werden. Der Nationale Ethikrat hat in seiner jüngsten Stellungnahme der Politik empfohlen, es nur vorläufig bei der geltenden Rechtslage zu belassen.

Jedoch stellen die Befürworter einer eingeschränkten Genehmigung des therapeutischen Klonens in dem Gremium inzwischen schon fast die Mehrheit. Wissenschaftler wie die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard vom Tübinger Max Planck Institut für Entwicklungsbiologie und der Berliner Soziologe Wolfgang van den Daele räumen zwar ein, dass es derzeit als keineswegs gesichert gelten kann, dass die Forschung mit geklonten Zellverbänden je zu Therapien gegen schwere Krankheiten führt. Gleichwohl könne der Staat nicht auf Dauer die Grundlagenforschung behindern, die gerade das herausfinden will. Revisionsbedarf bestehe in jedem Fall, sobald Fortschritte bei der Forschung in Sicht sind.

Dieses Stadium ist nach Ansicht des Kölner Stammzellforschers Jürgen Hescheler erreicht. Er warnt vor den „schwer wiegenden ökonomischen Folgen“ des deutschen ethischen Rigorismus. „Wir sind im Bereich der Bioforschung führend gewesen.“ Nun würden andere Länder wie Israel und Schweden die Patente erwerben, wo das therapeutischen Klonen erlaubt ist. Sollte es eines Tages anwendbare Therapien geben, müsse das deutsche Gesundheitssystem sie teuer einkaufen, sagte Hescheler dem Handelsblatt.

Ausgewanderte deutsche Forscher wie Therese Walter (26) und Mimodram Stankovic (40) bestätigen den Befund – sie gehören zu der Forschergruppe der Uni Newcastle, die Mitte August die erste britische Genehmigung für therapeutisches Klonen erhalten hat.

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