Erstmals Bericht über Schulen vorgelegt
Licht im deutschen Bildungsdschungel

Die deutschen Kultusminister wollen erstmals auf die Erziehungswissenschaftler hören: Ab 2004 führen sie schrittweise Standards für alle Schulstufen und wichtigen Fächer ein, jährlich sollen Wissenschaftler über die Lage an den Schulen berichten. Bei der heute beginnenden Kultusministerkonferenz (KMK) in Darmstadt wollen sie damit die Konsequenzen aus dem ersten deutschen Bildungsbericht ziehen.

doh/sha DÜSSELDORF. „In der Vielfalt schulstruktureller Ausprägungen in den deutschen Ländern noch ein deutsches Schulsystem zu erkennen, fällt schwer“, heißt es in dem ersten Bildungsbericht für Deutschland, den ein Wissenschaftlerteam des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) im Auftrag der KMK schrieb. Ihr Bericht, der sich neben Pisa auch auf andere Studien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bezieht, geht mit den deutschen Schulen hart ins Gericht: Die deutschen Schüler begännen „im internationalen Vergleich spät zielgerichtet zu lernen, verbringen viele Lebensjahre in Bildungseinrichtungen, in denen sie zugleich wenig gefordert werden“. Dies seien wenig förderliche Voraussetzungen für die Erreichung anspruchsvoller Bildungsziele.

„Bildungsberichterstattung ist die entscheidende Frage“, sagt Andreas Schleicher, Leiter der Abteilung für Bildungsindikatoren und Analysen der OECD, und bestätigt damit den Weg der deutschen Kultusminister. Bislang sei allerdings „der Informationsstand über Bildungssysteme in Deutschland deutlich geringer als in anderen Ländern“. Als Koordinator der OECD- Studie „Bildung auf einen Blick“ hätten ihm Daten über Lehrermangel, Lehrerqualität und Informationstechnologie gefehlt. „Eine Menge leerer Seiten über Deutschland waren die Folge.“

Die Autoren des nationalen Berichts kritisieren die Stimmung in den deutschen Klassenräumen: Das Unterrichtsklima „scheint durch geringe Unterstützung, einen als zu hoch empfundenen Leistungsdruck und ein kühles Schüler-Lehrer-Verhältnis gekennzeichnet zu sein“. Die Beanspruchung der Schüler durch die Schule sei hoch. Allerdings gehen die jüngeren Schüler vergleichsweise wenig zur Schule: sieben- und achtjährige Schüler haben im Schnitt 642 Schulstunden jährlich, im OECD-Mittel sind es 747 Stunden. Das soll sich durch das vier Mrd. Euro-Programm der Bundesregierung für den Ausbau von Ganztagsschulen ändern.

Bei der Frage, ob Sparpolitik die Bildungsreformen durchkreuzen kann, gehen die Meinungen auseinander: Die im internationalen Vergleich geringen Bildungsausgaben würden die Umsetzung der Reformen gefährden, heißt es im Bildungsbericht. „Die Bundesregierung spart mit Bildung und Forschung an der falschen Stelle“, kritisierte gestern auch die bildungspolitische Sprecherin der CDU/CSU- Bundestagsfraktion, Katherina Reiche. Der Bildungsetat soll 2004 um über 1,8 % sinken, ein Minus von 155 Mill. Euro.

OECD-Bildungsexperte Schleicher sieht das Problem anders: „Ich würde Deutschland nicht als Land der Sparmaßnahmen im Bildungsbereich darstellen“. In den Grundschulen gebe Deutschland weniger aus als der Durchschnitt, dafür im Sekundarbereich II mehr als der Durchschnitt. „Insgesamt liegt Deutschland im Mittelfeld.“ In Deutschland sei wegen des hohen Personalaufwands aber „sehr wenig Spielraum für Innovationen“.

Quelle: Handelsblatt

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