Erwerbsslosigkeit in Deutschland
Arbeitsmarkt: Rückblick ins Krisenjahr 1992

Zwischen 1990 und 1992 nimmt die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland um 1 Millionen zu und übertritt erstmals die Drei-Millionen-Grenze. Nicht mal zwei Jahre später sind bereits vier Millionen Menschen ohne Arbeit, 2005 schließlich über fünf Millionen. Wenn nun die Zahl der Bundesagentur für Arbeit erstmals wieder unter drei Millionen fällt, liegt das eigentlich noch wichtigere Ereignis schon eine Weile zurück - nur verband es sich mit keiner so runden Zahl.

BERLIN. Sind das "Weimarer Verhältnisse, Herr Blüm?" fragte die "Bild"-Zeitung am 7. Februar 1992 in großen Lettern den damaligen Bundesarbeitsminister. Tags zuvor hatte die Bundesanstalt für Arbeit zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte eine Arbeitslosenzahl von mehr als drei Millionen verkündet. Auf einen Schlag hatte sich die Arbeitslosigkeit im Januar um 450 000 auf 3 218 526 erhöht. Blüm wies den Vergleich mit den 30er-Jahren empört als "Geschmacklosigkeit" zurück. Deutschland sei immerhin "heute ein Sozialstaat mit Leistungen, wie es sie in der Weimarer Zeit noch gar nicht gab", betonte der schon damals dienstälteste Minister der Regierung Helmut Kohl.

Jener Sozialstaat, der im bundesrepublikanischen Geist der 70er-Jahre gewachsen war, sollte auch über die Frühzeit der deutschen Einheit hinaus noch einige Jahre weiter existieren. Und zwar begleitet von einem genauso beständigen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Genau zwei Jahre später, im Januar 1994, durchbrach die allmonatlich in Nürnberg verkündete Zahl die Vier-Millionen-Schwelle.

Erst der Anstieg über fünf Millionen passte nicht mehr ganz in diese Reihe: Er ließ immerhin weitere elf Jahre auf sich warten. Und er folgte auf ein völlig ungewöhnliches Ereignis: Die rot-grüne Koalition hatte genau jenen Sozialstaat mit Hilfe der Hartz-Reformen kräftig umgekrempelt. Bevor aber der neue Ansatz des "Förderns und Forderns" - profan: mehr Druck auf Arbeitslose - wirken konnte, schoss die Zahl noch einmal in die Höhe. Fast 500 000 Sozialhilfebezieher kamen hinzu. Sie waren zuvor zwar auch schon arbeitslos gewesen, nur hatte man sie nicht gezählt.

Wenn die Zahl aus Nürnberg nun erstmals wieder unter drei Millionen gefallen ist, liegt das eigentlich noch wichtigere Ereignis schon eine Weile zurück - nur verband es sich eben mit keiner so runden Zahl: Schon im September 2007 sank die Arbeitslosenzahl unter 3 612 330. Wieso 3 612 330? Die Zahl von Oktober 2000 markiert den Tiefpunkt der Arbeitslosigkeit im vorigen Aufschwung. Und im aktuellen Konjunkturzyklus hat sich damit die Lage am Arbeitsmarkt zum ersten Mal überhaupt seit mehr als drei Jahrzehnten absolut verbessert - nicht nur im Vergleich zum vorangegangenen Abschwung, sondern auch zum vorangegangenen Aufschwung.

Denn dies war seit den 70er-Jahren die Krux des deutschen Arbeitsmarkts: ein stetiger Anstieg struktureller Sockelarbeitslosigkeit, deren immer drückendere Last für die ganze Wirtschaftsdynamik nur in regelmäßigen Abständen durch konjunkturelle Aufhellungen beschönigt wurde. Immer wieder rühmte sich die Politik ihrer arbeitsmarktpolitischen Erfolge, um bald darauf durch einen neuen Schub steigender Sockelarbeitslosigkeit widerlegt zu werden.

Kurz zusammengefasst lautet der zunehmend wieder unpopuläre Vorwurf an die Arbeitsmarktpolitik alter Prägung: Sie verwendete viel Geld und Aufmerksamkeit darauf, dass Arbeitslose ein finanziell erträgliches Auskommen hatten - tat aber wenig, um den Betroffenen effektiv einen Weg zurück in Arbeit zu ebnen. Zu den weniger plakativen, aber nicht minder wichtigen Erfolgen der jüngsten Zeit zählt: Die Zahl der Langzeitarbeitslosen, die hierzulande lange Zeit viel höher war als in Nachbarländern, ist signifikant gesunken. Und die Beschäftigung älterer Menschen, lange Zeit der zweite blinde Fleck am Arbeitsmarkt, hat deutlich zugelegt.

Im Frühjahr 1992, kurz nach der harschen Widerrede Blüms, fiel die Arbeitslosenzahl zwar noch einmal kurzfristig unter drei Millionen zurück. Als sie aber im Winter erneut über diese Schwelle sprang, sollte es für 16 Jahre dabei bleiben. Zwei Dinge sind jedoch zur Entschuldigung des Ministers zu ergänzen: Zum einen hatte er es mit einem dramatischen Strukturbruch für die vormalige DDR-Staatswirtschaft zu tun, gegen den zumindest kurzfristig kaum ein wirksames arbeitsmarktpolitisches Kraut zu finden gewesen wäre.

Zum anderen hatte der erste Sprung über die drei Millionen auch etwas mit mehr Transparenz in der Statistik zu tun: Allein im Osten stieg die gemessene Arbeitslosenzahl damals auf einen Schlag um ein Drittel auf 1,3 Millionen - für 300 000 Ostdeutsche, die faktisch schon seit 18 Monaten ohne Job waren, lief Anfang 1992 das Kurzarbeitergeld aus. Dass die Große Koalition heute gerade das Kurzarbeitergeld verlängern will, steht auf einem anderen Blatt.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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