Essay
Der große Bildungswirrwarr

Die Probleme des deutschen Bildungssystems sind lange bekannt - aber Fortschritte sind kaum messbar. Der Bildungsgipfel am Mittwoch nährt Illusionen: Statt Innovation steht neuer Ideologiestreit zwischen Sozialdemokraten und der Union im Wahlkampf an.

BERLIN. Zahlen Sie erkleckliche Summen für die Nachhilfestunden Ihrer Sprösslinge? Ärgern Sie sich, dass Ihnen Ihr Landesminister vorschreibt, ab welcher Note der Sohn aufs Gymnasium darf? Verstehen Sie nicht, warum wir zwar händeringend Akademiker suchen, die Tochter aber am Numerus Clausus scheitert? Dann warten Sie sicher gespannt auf den Bildungsgipfel: Morgen trifft die Kanzlerin höchstselbst die Ministerpräsidenten zur "nationalen Kraftanstrengung".

Entspannen Sie sich: Die 17 Regierungschefs werden der unterbelichteten Bildungsrepublik nur wenig neuen Glanz verleihen.

Die Probleme sind bekannt. Das Wissen der deutschen Schüler ist gerade mal mittelmäßig. Auch schafft es das deutsche Schulsystem wesentlich schlechter als andere, Startnachteile der Kids aus Migranten- oder deutschen Unterschichtselternhäusern auszugleichen. Große Fortschritte sind bisher nicht messbar. Und weil viel zu wenig Schüler es bis zum Abitur schaffen, ist der Pool für künftige Akademiker zu klein. Zudem gibt ein Viertel der Studenten vorzeitig auf.

Zwar dürften die Klagen über den Mangel an qualifizierten Absolventen in der dräuenden Rezession wieder leiser werden. Spätestens im nächsten Boom kommt aber alles noch viel schlimmer. Denn seit diesem Jahr sinkt die Zahl der Schulabgänger: 2008 waren es noch rund 940 000 junge Leute, 2014 werden es 80 000 weniger sein und im Jahr 2020 dann nur noch 780 000. Der Pool, aus dem wir unsere Ingenieure, Juristen, Mechatroniker und Wissenschaftler von morgen rekrutieren, wird immer kleiner. Am Lehrstellenmarkt ist die Wende schon da. Hier gibt es erstmals mehr offene Ausbildungsplätze als Bewerber.

Andere Industriestaaten reagieren auf die Herausforderung mit massiven Investitionen in die Bildung. Deutschland hingegen spart an der einzigen Ressource, die es hat. Der Bildungsstand der Bevölkerung insgesamt geht erstmals nach Jahrzehnten wieder zurück. Dass Kinder mehr lernen als ihre Eltern, gilt nicht mehr im Land der Dichter und Denker. Und auch ihre Eltern lernen zu wenig. Die Deutschen sind Weiterbildungsmuffel.

Vor dieser Kulisse führt Deutschland wieder einmal das Puppentheater des Föderalismus auf - untermalt mit den Melodien des anschwellenden Wahlkampfs. Die nationale Kraftanstrengung ist schon deshalb ein eitler Wunsch, weil nicht einmal CDU-Ministerpräsidenten einsehen, sich zum Ruhme der Kanzlerin zu irgendetwas nötigen zu lassen.

Sie sollen versprechen, das Geld, das sie durch sinkende Schülerzahlen sparen - immerhin fünf bis 16 Milliarden Euro jährlich - nicht in andere Kanäle zu leiten, sondern für mehr Lehrer, besseren Unterricht sowie den Ausbau der Hochschulen einzusetzen. Dann will der Bund seinerseits rund sechs bis zehn Milliarden zusätzlich auf den Tisch legen. Dabei geht es um Bildungsprojekte, für die er selbst die Lorbeeren erntet. Die Länder aber wollen lieber frei verfügbares Geld: Angela Merkel soll ihnen mehr von der Umsatzsteuer abgeben - was diese bereits abgelehnt hat.

Am Ende wird der Bund erneut Löcher stopfen, die die Länder nicht flicken, obwohl sie sich mehr denn je als Könige der Bildungsrepublik aufspielen. Doch mehr Geld ist ohnehin nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung für eine Verbesserung. Entscheidend ist, wofür es ausgegeben wird. Hierzu wird das Gipfeldokument jedoch vor nicht einklagbaren Versprechen nur so strotzen.

Denn bei der Suche nach konsensfähigen Projekten sind die alten Scharmützel wieder ausgebrochen. Die Länder wollen sich - durch die Föderalismusreform in ihrer Bildungshoheit noch gestärkt - vom Bund nun erst recht nicht mehr als Nachhilfeschüler vorführen lassen. Es schwindet die Hoffnung, das Gezänk hätte sich nach der rot-grünen Ära - in der eine SPD-Bundesministerin und die mehrheitlich von der Union geführten Länder nach einer konstruktiven Anfangsphase zum Kleinkrieg übergingen - erst einmal erledigt. Von Interview zu Interview wird klarer: Die Ministerpräsidenten scheren sich einen Dreck um die nationale Bildungslandschaft und verteidigen stattdessen eifersüchtig ihre Bildungs-Vorgärten.

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