Essay
Die Geschichte vom Goethe-Pfennig

Vermeintlich segensreiche Eingriffe des Staates, die so lange verschärft werden, bis sie in völliger Gängelung enden – in seiner Parabel zeichnet Schriftsteller Andreas Eschbach ein Szenario, das nicht nur auf Autoren beängstigend wirken dürfte.

Es war einer dieser Tage ... Peter Eisenhardt, schlecht verdienender Schriftsteller, kämpfte mit seinem erst halbfertigen Roman, als sein Agent anrief und nur Deprimierendes über die Verkaufszahlen seines letzten Buchs sagte. Von einem Gefühl der Vergeblichkeit übermannt, schaltete er den Computer aus und die Glotze ein.

Dort sagte ein Politiker gerade: „Man muss etwas für die Autoren tun!“ Autoren, fuhr er fort, steckten oft Jahre an Arbeit in ein Manuskript, ohne angemessene Entlohnung oder auch nur Veröffentlichung zu finden: Ausbeutungsähnliche Verhältnisse seien das, und die Politik müsse hier Abhilfe schaffen. „Wissen wir, wie viele gute Romane deswegen ungeschrieben bleiben? Diese skandalöse Verschwendung kreativer Energie können gerade wir als Kulturnation uns nicht länger leisten. Alles klagt, es gehe mit Deutschland abwärts. Ich sage: Hier ist der Punkt, an dem wir ansetzen müssen!“

Die Gesprächsrunde pflichtete ihm bei, und wenige Tage später kündigte die Regierung eine entsprechende Gesetzesinitiative an. Wichtigste Neuregelung des geplanten „Autoren-Arbeitsplatz-Schutzgesetzes“, abgekürzt AuArSchG: Künftig mussten alle Bücher mit einer Mindestauflage von 20 000 Stück erscheinen. Obwohl Kleinverleger zu berücksichtigen baten, sie kämen nicht mal mit ihrem Gesamtprogramm auf solche Zahlen, passierte der Gesetzentwurf in erster Lesung.

Eisenhardts Agent war begeistert. Eisenhardt auch, als er den bereits nach AuArSchG abgeschlossenen Vertrag für sein nächstes Buch sah: Eine höhere Startauflage bedeutete natürlich auch einen höheren Vorschuss!

Ein mit Peter Eisenhardt befreundeter Autor allerdings, eben noch dicht vor seinem ersten Vertrag, bekam mit Bedauern erklärt, man könne aufgrund des neuen Gesetzes sein Buch nun doch nicht veröffentlichen; eine so hohe Auflage für einen Erstautor sei ein zu großes Risiko.

Überhaupt setzte, da das AuArSch-Gesetz die erhoffte Ausnahmeregelung für Kleinverlage doch nicht enthielt, unter diesen ein rasantes Sterben ein, was es für unveröffentlichte Autoren noch schwieriger machte, einen Verlag zu finden. Auf der nächsten Frankfurter Buchmesse blieb die Halle der Kleinverleger leer, und die Zahl der Buchneuerscheinungen war deutlich gesunken.

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