Essay
Ganz schön liberal

Für ihre Freiheit haben Menschen gekämpft, seit es Unterdrückung gibt. Aber im 18. Jahrhundert entstand eine Bewegung, die die Idee der Freiheit in den Mittelpunkt rückte: der Liberalismus, eng verknüpft mit der Idee der Aufklärung. Über die Notwendigkeit, eine alte Idee neu zu beleben.

Am Anfang waren Philosophen wie Locke, Hume, Voltaire und Kant. Oder der Moralphilosoph Adam Smith, der mit seinem Buch „Der Wohlstand der Nationen“ nebenbei zum Begründer der Nationalökonomie wurde. Am Anfang waren auch Politiker und Revolutionäre: die Väter der amerikanischen Verfassung, die Aufständischen der Französischen Revolution, die an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit glaubten.

Für ihre Freiheit haben Menschen gekämpft, seit es Unterdrückung gibt. Aber im 18. Jahrhundert entstand eine Bewegung, die die Idee der Freiheit in den Mittelpunkt rückte: der Liberalismus, eng verknüpft mit der Idee der Aufklärung. Er sah den Menschen als stolzes Wesen, das seine eigene Gedanken denken und seine eigenen Entscheidungen treffen sollte. Was ist heute davon übrig? Und wie können wir das, was übrig ist, wiederbeleben? Die Frage ist in einer Zeit, wo „neoliberal“ meist als Schimpfwort verstanden wird und die freien Finanzmärkte auf einmal den Staat als Freund und Helfer benötigen, besonders aktuell.

Von Anfang an ist der Liberalismus von allen Seiten bekämpft und von seinen eigenen Anhängern oft genug auch pervertiert worden – man denke nur an die Blutbäder der Jakobiner im revolutionären Paris. Den einen galt er als Zerstörer der Traditionen, den anderen als Freibrief zur Ausbeutung. Sein stolzes Menschenbild war den Konservativen zu anmaßend, die Linken „entlarvten“ es als Fratze der bürgerlichen Gesellschaft.

Schon früh auch zeigten sich die Widersprüche und Unzulänglichkeiten, die in der Idee des Liberalismus stecken. Wer stolz und frei sein will, braucht eben nicht nur Rechte, sondern auch ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. So barg der Liberalismus schon den Keim des Sozialismus, seines ärgsten Gegners, in sich. Als besonders schwierig erwies sich die Institution des Privateigentums: Sie allein kann wirtschaftliche Freiheit garantieren. Sie hat aber, von den Stahlbaronen des 19. Jahrhunderts bis zu den Software- und Internetstars der heutigen Zeit, auch zu ungeheurer Machtballung geführt, die die Freiheit anderer Menschen bedroht.

Zu Beginn des Kampfs für die Freiheit blieben viele Menschen ausgeklammert: nicht nur die „Wilden“ und die Sklaven, sondern auch die Frauen. Erst rund 100 Jahre nach der Französischen Revolution führten die ersten Staaten das Frauenwahlrecht ein. Immer wieder hat der politisch organisierte Liberalismus auch seine zentralen Ideen aus den Augen verloren. Er hat sich mit dem autoritären Nationalismus verbündet wie im deutschen Kaiserreich oder sich zwischen den Mühlen der ideologisch aufgeladenen Tagespolitik zerreiben lassen wie in der Weimarer Republik. Heute sind wir in Deutschland alle ein bisschen liberal, aber am liebsten auch nicht zu sehr. Darunter leidet auch die liberale FDP: Sie weiß nicht so recht, was sie von den anderen Parteien unterscheidet.

Wir sind heute so frei wie nie zuvor in der Geschichte und verlernen gerade deswegen, die Freiheit zu schätzen. Können wir also den Liberalismus abhaken als eine Bewegung, die bei uns das Wesentliche schon erreicht hat? Oder als eine Ideologie, die von Anfang an voller Widersprüche und Unzulänglichkeiten steckte? Die Versuchung ist groß. Aber wenn wir ihr nachgeben, entsorgen wir achtlos die vielleicht größte Idee unserer Geschichte. Dann nehmen wir uns die Chance, „Freiheit“ wieder als zentralen Wert unserer Gesellschaft zu definieren.

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