Essay
Zwischen Kreuz und Krise

Die Kirchen sind seit Jahrhunderten Experten für Moral. Doch in der Finanzkrise bleiben sie fast stumm - dabei würden sie gebraucht. Doch die Kirchen haben sich schon lange vor der Finanzkrise aus gesellschaftlichen Debatten zurückzogen.

Wie der alttestamentliche Prophet Jona aussah, nachdem der Walfisch ihn ausgespien hatte, wissen wir nicht so genau. Aber es muss furchterregend gewesen sein. Denn Ninive, die funkelnde Stadt der Gier und des Geldes, erschrak zu Tode, als der Prophet durch die Straßen schritt und rief: "Noch 40 Tage, und Ninive ist zerstört." Angesichts des drohenden Untergangs hielt das Finanzzentrum der Assyrer den Atem an, die Blicke richteten sich auf den Gottesmann, der Stillstand des ökonomischen Handelns wurde ausgerufen und ein Fastengebot - und "alle, groß und klein, zogen Bußgewänder an".

Seit diesem Schrecken am alten Tigris hat sich wenig geändert: Krisenzeiten wecken das erlahmte Interesse an der Religion neu. Das Christentum selbst könnte seinen Aufstieg einer tiefen Verunsicherung der spätantiken Gesellschaft verdanken, wie dies der Oxforder Wissenschaftler Eric Robertson Dodds in seinem Buch "Heiden und Christen in einem Zeitalter der Angst" beschreibt. Die Pest im Jahr 1348 rief die größte Massenbewegung des deutschen Mittelalters auf den Plan: die Geißler, die genau 33,5 Tage - in Anlehnung an das Leben Jesu - Buße taten, indem sie mimisch ihre Sünden darstellten und sodann den Rücken blutig geißelten. Die letzten zwei Weltkriege zogen in Europa eine Renaissance der Volkskirchen nach sich, die starken Einfluss auf die junge Bundesrepublik ausübten.

Auch jetzt richtet sich der Blick wieder auf die Kirchen. Im Schatten einer Finanzkrise, die von vielen als Katastrophe empfunden wird, wächst das Bedürfnis nach einer klaren Unterscheidung von "richtig" und "falsch", auch von Gut und Böse. Und sind die Kirchen nicht seit Jahrhunderten die Moralexperten? Müssten sie, die doch seit zwei Jahrtausenden präsent sind in der ja immer auch ökonomischen Gesellschaft, nicht zumindest Ansätze von Antworten anbieten können?

Ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gelangen aber nur Aussagen wie diese: Da zieht der Kölner Kardinal Joachim Meisner, immerhin Chef des wohl finanzstärksten Bistums der Welt, eine Parallele zwischen der Bankenkrise und den Verhältnissen am Ende der Weimarer Republik, wo man "dann so einen Kerl wie Hitler" bekommen habe. Papst Benedikt XVI. sagt an der Spanischen Treppe in Rom Arbeitslosen und allen, die derzeit kaum mit ihrem Geld zurechtkommen, Gebete zu und bittet die Jungfrau Maria, diesen Menschen zu helfen. Solche Stellungnahmen wecken jedoch Zweifel an einer wirklich engen Teilnahme der Kirchen am aktuellen gesellschaftlichen Diskurs.

Dabei wäre der Bedarf an einer lebhafteren Einmischung groß. Denn die Antworten, die die Politik gibt, befriedigen nicht. Die CDU entdeckt den "ehrbaren Kaufmann" wieder, ein schönes Bild, bei dem sich eher an den weiß bekittelten Einzelhändler vor Regalen mit Gummidrops und Dosensuppen als an einen heutigen Fondsmanager denken lässt. Die SPD dagegen will den Vorständen möglichst viel vom Gehalt abknöpfen, Zeugnis einer gewissen Ahnungslosigkeit in Sachen Verantwortungsgefühl und Motiven von Managern.

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