EU
Türken ersehnen Ende der Visa-Pflicht

Die Türkische Gemeinde in Deutschland rechnet nicht mit einer Masseneinwanderung, wenn die EU die Visa-Pflicht für Türken aufhebt. Der Vorsitzende erklärt, warum die bevorstehenden Änderungen so wichtig für Türken sind.

BerlinDie geplante Aufhebung der Visa-Pflicht für türkische Staatsbürger wird nach Einschätzung des Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland (tgd) nicht zu einer Masseneinwanderung nach Deutschland führen. „Es werden auf jeden Fall viele Türken kommen, die Europa bereisen wollen. Aber es gibt immer weniger Türken, die hier bleiben wollen“, sagte Gökay Sofuoglu der Nachrichtenagentur AFP.

Europa sei wegen seiner schwächelnden Wirtschaft längst „keine Attraktion“ mehr, sagte Sofuoglu. „Das hat sich herumgesprochen, dass viele angeheiratete Türken hier Probleme haben, vor allem die ohne gute Ausbildung.“ Zugleich gebe es inzwischen gute Arbeit auch in der Türkei. Die Angst vor einem massenhaften Missbrauch der Reisefreiheit durch die Türken sei unbegründet.

Auch eine große Fluchtbewegung türkischer Kurden nach Europa wegen der Kämpfe in den mehrheitlich kurdisch bewohnten Gebieten erwartet Sofuoglu nicht. „Die Kurden fliehen vor allem in die westtürkischen Großstädte“, sagte der 54-jährige Sozialpädagoge. Demnach bedeutet eine Aufhebung der Visa-Pflicht vor allem eine große Erleichterung für die Verwandten und Freunde der drei Millionen Türkischstämmigen in Deutschland.

Verwandte aus der Türkei könnten endlich ohne Probleme zu Besuch nach Deutschland kommen, sagte Sofuoglu. „Es passiert sehr oft, dass Söhne oder Töchter heiraten, dass es andere Feierlichkeiten gibt und man kann nicht nach Deutschland kommen wegen des fehlenden Visums.“

Viele Türken müssten sehr weit reisen, um bei einem deutschen Konsulat ein Visum zu beantragen. Vor den Konsulaten herrsche meist großer Andrang, es gebe lange Wartezeiten. „Es gibt viele andere Antragsteller, vor allem im Moment. Da warten sehr viele Flüchtlinge, weil sie Familiennachzug nach Deutschland beantragen wollen“, sagte Sofuoglu, der seit dem Jahr 2014 der tgd-Vorsitzende ist.

Nachdem Brüssel den Türken ein Ende der Visa-Pflicht für Ende Juni in Aussicht gestellt habe, gehe es um nicht weniger als „die Glaubwürdigkeit Europas“, sagte Sofuoglu. „In der Türkei erwarten viele, dass die Visa-Freiheit wieder nicht kommt. Sie denken, Europa nutzt das nur als Verhandlungsinstrument. Das schafft Misstrauen gegenüber der EU.“

Mit Folgen: „Je mehr sich die Menschen über die europäische Politik ärgern, desto mehr glauben sie der AKP. Die Regierungspartei sagt, Europa brauche die Türkei mehr als andersherum“, sagte Sofuoglu. Er forderte deshalb: „Man muss der Türkei endlich eine europäische Perspektive geben und den Türken sagen: 'Ihr gehört zu Europa'.“

Sofuoglu warnte davor, dass die Stimmung in der Türkei und unter den Türkischstämmigen in Deutschland weiter kippen könnte. „Es gibt immer weniger Türken, die hier bleiben wollen“, sagte Sofuoglu weiter. Sie litten unter einem wachsenden Rassismus. „Viele Türkischstämmige fühlen sich in Deutschland nicht mehr wohl.“

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
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