Europäer des Jahres
Helmut Schmidt – Ein Mann, ein Kontinent

Helmut Schmidt hat Politik nicht nur "gemacht". Der Bundeskanzler a.D. hat sie vor allem gedacht, ersonnen und meditiert. Er hat sich immer für die Nachbarn der Deutschen und deren Befindlichkeiten interessiert. Als Publizist und Vordenker tut er das immer noch. Und die Nation hört ihm weiter aufmerksam zu.
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Groß ist das Staunen vieler deutscher Publizisten und Politikwissenschaftler über die anhaltende Wirkung dessen, was Helmut Schmidt sagt, schreibt und zu Protokoll gibt. Doch bei Lichte betrachtet ist das Interesse, auf das der Altbundeskanzler nach wie vor stößt, alles andere als erstaunlich. Es ist normal.

Wenn Helmut Schmidt sich äußert, dann äußert sich jemand, dessen globales Wissen und dessen Sicht auf die Dinge hinter den Dingen seinen Einlassungen jene orientierende Autorität verleihen, nach der unsicher gewordene Zeitgenossen sich verzweifelt umschauen. Bei Helmut Schmidt werden sie bedient.

Als der Hamburger Innensenator in die Bonner Innenpolitik wechselte, eilte ihm der Ruf eines "Machers" voraus. Dieses Image des beherzt zupackenden Politikers hat ihn sein Leben lang begleitet und ihn wahrscheinlich mehr geärgert als erfreut. Denn Helmut Schmidt war nie nur Macher.

Das war er selbstverständlich auch, und sein Amtsverständnis hat ihn notwendigerweise zum Machen und zum Tun gezwungen. Dabei halfen ihm sein Pflichtgefühl, sein Arbeitseifer, seine Art des totalen Aktenstudiums - alles Eigenschaften, die ein Politiker im Gepäck tragen muss, um zum Staatsmann werden zu können, und die der junge Oskar Lafontaine vorlaut als "Sekundärtugenden" verunglimpfte.

Doch Helmut Schmidt hat Politik nicht nur "gemacht". Er hat sie vor allem gedacht, ersonnen und meditiert. Wer die Schriften und Reden des Abgeordneten aus Hamburg und die Bücher des späteren Helmut Schmidt liest, wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass bei ihm alles durchdacht war und vieles im zweifelnden Streitgespräch mit sich selbst geboren wurde.

Für junge Politiker, vor allem für jene, die denken, man könne das Rüstzeug zur Politik auf der Universitätsbank erwerben, empfiehlt sich das Gesprächsbuch von Helmut Schmidt und Fritz Stern zu "Unserem Jahrhundert": ein faszinierender Dialog zwischen zwei ganz großen Herren ihrer Zeit. Unserer Zeit.

Helmut Schmidt ist ein mutiger Mann. Belege dafür findet man zuhauf. Der Kampf der Hamburger gegen die Flut, die Auflehnung der Deutschen gegen den brutalen Terror, das Nicht-Einknicken des Westens vor dem sowjetischen Machtanspruch: diese und andere epocheprägende Taten und Leistungen bleiben mit dem Namen Helmut Schmidts verbunden. Doch es gibt Wichtigeres: Helmut Schmidt hat in entscheidenden Momenten unser aller Weg in die Zukunft gepflastert. Der Weg in eine gemeinsame europäische Zukunft.

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  • @ Zeitzeuge,dem ist sehr wenig hnzuzufügen, sehr guter Artikel, da steckt viel dahinter.Wenn dann noch die beziehungen DDR - bRD beleuchtet werden erkennt man sehr genau das unsere Politiker seit anbeginn,nur Marionetten im grossen spiel waren und nun wieder sind. Wer hat nicht alles Klinken geputzt,und Herr Pleitgen brach dann die DDR weg und er musste sich umorentieren. Gorbaschow merkte mal kurz an,wie der Westen seine Chancen vertan hat nachdem er erst diese Eröffnet hat. Nun steht der spekulative Kapitalismus vor seinen Scherbenhaufen und ums Kraut fett zu machen, haben sie nun jeden Wähler so verarscht,das es ohne Kapitulation vor der Zukunft nicht mehr geht.Das Hirngespinnst EU ist tot, bleibt tot und das ist gut so, wer sollte es beatmen die Väter dieser EU bestimmt nicht. Mit schwadronieren auch nicht mit Eurodrucken auch nicht. Sie haben so ziemlich alles für ein Misslingen getan.Wenn ich denn noch sehe das ein Her Steinbrück/Asmussen wesentlich Anteil am scheitern hatte,und Herr Schmitt innigst mit Peer sich austauscht so lässt das unfähigkeit nicht mehr toppen.

  • @[2]- Margrit Steer
    Tut mir leid, aber das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Zumindest meine Miete und meine Nebenkosten wurden damals auf den Cent exakt umgerechnet, da habe ich schon darauf geachtet. Gleiches galt für die monatliche Stadtwerkerechnung sowie Telekommunikation und Versicherungen. Damit ist schon mal ein erheblicher Teil meiner Lebenshaltungskosten abgedeckt.
    Auch bei den grossen Supermarktketten, konnte ich damals keine exorbitanten Preisteigerungen ausmachen. Lediglich im Gastronomiebereich haben tatsächlich einige Leute die neuen Speisekarten zu einem kräftigen Zuschlag genutzt, das stimmt.
    Was ihren Kaffee betrifft, so sollten sie bedenken, dass dieser nach 10 Jahren auch in der alten Währung nicht mehr identische Preise hätte. Zumal dieses Produkt ohnehin grossen zyklischen Schwankungen unterliegt.
    Was die angebliche 30prozentige Rentenkürzung betrifft, so kann ich dem überhaupt nicht folgen. Eventuell könnten Sie da mal ein beispiel bringen.

  • Nachdem sich der Junckersche Lobhudelungsnebel verzogen hat wollen wir mal auf die Tatsachen sehen: Herr Schmidt hat die von Willy brandt at acta gelegte deutsches Frage übernommen und selbst keine Schimmer vom beginnenden Zusammenbruch des COMECON (dem RGW) gehabt, weil er sich um diese Fragestellungen nicht gekümmert hat, er hatte also Kohl nichts zum Thema zu übergeben, ein innerdeutsches Ministerium hatte "Wind geschaufelt", aus Leibeskräften. Schmidt glaubte an den Status Quo, der nicht einmal 10 Jahre nach ihm als Kanzler keinen bestand mehr hatte - eine große Lücke in der Weltsicht des Herrn Schmidt!

    Auch er war gefangen in der "ewig währenden Wachstumsphantasie" der westlichen, vor allem der deutschen Politiker und Lenker, obwohl 1973 bereits ein deutlicher bruch in der Wirtschaftsdymanik zu spüren war. Eine vorübergehende Erscheinung? Unter Schmidt begann, wenn auch für viele unmerklich - und für viele brandt/Schmidt-Verehrer/innen bis heute nicht faßbar - der kontinuierliche Abstieg in den Schuldenstaat, das Verblassen der sozialen Marktwirtschaft, des Wohlstandshypes. Der Aufstieg des Konkurrenten Japan zur industriemacht wurde bestenfalls registriert, Schmidt unterließ es, Westdeutschland zum Wissenschafts- und Technologiestandort werden zu lassen, wenigstens entsprechend intensiv zu mahnen. Die Hochtechnologie verabschiedete sich in Richtung USA. Man zehrte vom Wohlsandsspeck, vom blick auf die geliebte Zeit des Erhardschen Wirtschaftswunders, labte sich an den schönen halbsozialistischen ideen und Traditionen der SPD und trieb die bürokratisierung des Staatswesens als Gegenmaßnahme voran, ohne zu begreifen, daß völlig neue Anstrengungen nötig sind, um die Zukunft zu meistern, die Zeit der industriellen Revolution war tatsächlich längst vorbei!

    "Pluralismus" war das Zauberwort, das mit dem Ende der persönlichen sittlichen Verantwortung und der Auflösung des letzten gesellschaftlichen Normen gefüllt werden mußt, wenn man auf die Folgen schaut: Jeder begann, sich selbst der nächste zu sein, die 68er hatten mit Erfolg versucht, die Reste deutscher Traditionen und Werte zu zerstören - erreicht hatten sie, daß Wissens- und Leistungsfeindlichkeit und Faulheit zu den inneren Werten einer ganzen Generation wurden, aus denen die bekannten unmotivierten Lehrerinnen und Lehrer hervorgingen, die ihren Schülern im Prinzip nichts effizient beibringen konnten und wollte (PiSA hat die Folgen offengelegt), Anwesenheit in der Schule genügte für eine "Drei"!
    Weder das Ende des grenzenlosen Wachstums noch die für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands anstehenden Fragen nach einer sozial verantwortlich handelnden und intellektuell sich auf der Höhe der Zeit befindlichen Gesellschaft in Westdeutschland (geschweigedenn in Europa!) kann sich Herr Schmidt als entscheidende Kenntinsse an die Jacke heften. Von den wirklich wichtigen und richtigen Dingen hat er selbst keine Ahnung gehabt und auch niemanden wirklich überzeugen können, wie wir jetzt, mitten in der EU-Krise sehen. Eins stimmt, da hat Herr Juncker recht: Er war mit ein Grundsteinleger, ein Konstrukteur dessen, was besonders uns Deutsche Jahr für Jahr auf den Kopf fällt: Unsägliche, ständig wachsende Lasten, deren Anwachsen nicht abzusehen und zu kalkulieren sind. Das Resume ist, bei Lichte betrachtet dürftig, das geeinte Europa ist seinem Auseinanderbrechen näher, als dem Zusammenwachsen, die bereits eingetretenen ökonomischen Schäden sind manifest!

    Mal ganz ehrlich: Wem sollten die Deutschen überhaupt noch zuhören? ist da noch jemand, der etwas zu sagen hat, was wenigstens noch von einem Teil der Menschen als glaubhaft und akzeptabel hingenommen wird? Schmidt hat seine Anhänger/innen, aber auch dieses Publikum leitet keinen effektiven beitrag zu einer neuen realitätsbezogenen Standortbestimmung und tragfähigen identitätsfindung des neuen Deutschlands, der heimlichen letzten Hoffnung Europas.

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