Europawahl am 7. Juni
Deutsche Politiker meiden das „E-Wort“

Am Sonntag ist Europawahl. Doch nur wenige wollen hingehen. Was die Parteien dagegen tun? Sie sprechen viel über nationale Themen - und wenig über Europa. Darin zeigt sich ein grundlegendes Dilemma der Europäischen Union.

TÜBINGEN/BERLIN. Franz Müntefering eilt durch die Tübinger Altstadt. Der Zigarillo glimmt in seiner rechten Hand. Ein Spaziergang nach dem Mittagessen sollte es sein. Doch für die schmucken Fachwerkhäuser hatte der SPD-Chef gestern keinen Blick. "Beweglich in der Bewegung", sagt er. Darauf kommt es im Wahljahr an. Die Krise lässt keinen Wahlkampf nach Plan zu. Er scheint es zu verkörpern.

Es ist heiß, das Sakko liegt über der Schulter. Erst als er einen SPD-Sonnenschirm sieht, bremst er. Händeschütteln. Ein Laken liegt auf dem Boden, Forderungen sind darauf geschrieben - für die Kommunalwahl. Europa? Fehlanzeige.

So ist das öfters in diesen Tagen, wenn die beiden großen Parteien zum Endspurt für die Europawahl am Sonntag ansetzen. Mobilisierung ist alles, die Wähler an die Urne zu bringen, höchstes Ziel - und ein schwieriges Geschäft. 2004 waren nur 43 Prozent der Berechtigten auch zur Wahl gegangen. Um das zu ändern, verfolgen Union wie SPD eine Strategie, die seltsam anmutet: Damit möglichst viele Menschen am Sonntag zur Europawahl gehen, versuchen sie, möglichst wenig über Europa zu reden. Die Politik meidet das "E-Wort".

Wer wissen will, warum, findet Antworten nicht in den Parteizentralen, sondern zum Beispiel in der niederbayerischen Provinz. Eben hat er in Hauzenberg Flugblätter verteilt, jetzt eilt Manfred Weber im Kleinbus nach Untergriesbach, ebenfalls im Landkreis Passau. Dort fördert die EU den Tourismus mit Geld - und Euros aus dem Brüsseler Topf sind für viele immer noch der einzig handfeste Grund, sich für Europa zu interessieren. "Wir haben keine tragenden Europathemen", sagt Weber, der für die CSU im Europaparlament sitzt. "Mit der Europawahl verbinden die Menschen nicht den Gedanken, Politik beeinflussen zu können", so der umtriebige CSU-Mann Weber.

Mit jeder Rede Anrennen gegen das Desinteresse für Europa - auch Angela Merkel kennt das. Die Kanzlerin weiß, dass die Menschen im Wahlkampf Sorgen um ihren Arbeitsplatz haben, Sorgen, wie lange die Krise noch dauert. Abstraktes aus Brüssel interessiert niemanden, nicht in Aachen, wo sie den Wahlkampf Mitte Mai eröffnet hat, nicht in Unterschleißheim, wo sie am Pfingstmontag Gast der CSU war. Gekünstelt wirkt es, wenn sie versucht, immer wieder Europa einzuflechten. "Wir haben die Chance, gestärkt aus der Krise hervorzugehen", sagt Merkel in Aachen. "Aber es gibt eben Probleme, die man allein nicht lösen kann."

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