Europawahl
Wie die SPD das Desaster verdaut

Es herrscht eisiges Schweigen in dem Moment, für den Parteichef Franz Müntefering in seinem Drehbuch eigentlich Jubel vorgesehen hat. Um kurz nach 18 Uhr blicken die Genossen in der SPD-Parteizentrale auf die umstehenden Monitore und sehen die erschreckende Zahl: 21 Prozent. Schlimmer hätte es nicht kommen können.

BERLIN. Nur eine Viertelstunde später treten Müntefering und der Spitzenkandidat Martin Schulz auf die Bühne. "Mehr SPD für Europa" steht hinter ihnen an der Wand. Applaus brandet auf. "Ja, liebe ...", versucht Müntefering, seine Rede zu beginnen. Doch der Applaus wird lauter, bei den Genossen setzt die "Jetzt erst recht"-Stimmung ein. Müntefering muss trotz der schlechten Botschaft, die er erklären will, lachen. "So, vielen Dank ...", sagt er - und wird deutlich. "Das Ergebnis ist für uns enttäuschend." Er habe um die "Mobilisierungsprobleme" gewusst. Aber die SPD habe nicht an die Linke verloren, betont er. Schulz sagt, die SPD werde mit ihren 24 Sitzen im Europaparlament weiter dafür kämpfen, den "Kasino-Kapitalismus" zu bändigen. Wieder Applaus.

Die SPD hat noch einmal schlechter abgeschnitten als bei der vergangenen Wahl 2004, als sie unter Gerhard Schröder im Sog der Hartz-IV-Reformen jeglichen Halt in den eigenen Reihen und in der Wählerschaft verloren hatte. Das alles ist vorbei, sollte längst vergessen sein. Wo doch jetzt Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier für die Opel-Rettung kämpft und vor den Marktradikalen warnt. Gerade für Steinmeier ist das Wahlergebnis ein Debakel, hatte die Partei ihn doch im Wahlkampf nach vorn geschoben und von allen Plakaten strahlen lassen. Auch er spricht an diesem Abend von einem "enttäuschenden Wahlergebnis".

"Ich empfehle, rechtzeitig die Vasen vor dem Fernseher in Sicherheit zu bringen, weil am Wahlabend die schwarzen Balken unten rauskommen werden", hatte Müntefering wieder und wieder auf Wahlkampfveranstaltungen gesagt. Und der rote Balken sollte natürlich in die Höhe gehen. 28 Prozent hatte sich Spitzenkandidat Martin Schulz erhofft.

Nun zeigt vor allem der gelbe Balken nach oben. Die FDP hat klar zugelegt, das von der SPD so stark bekämpfte schwarz-gelbe Lager liegt deutlich vorn. Die Wahlkampfstrategie der SPD ist gescheitert.

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