Ex-Bundesbankpräsident Tietmeyer
„Gerechtigkeitsdebatten oft zu engstirnig“

Der ehemalige Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer hat das Debattenklima in Deutschland kritisiert. "Wir müssen uns an die Grundprinzipien erinnern und Eigenverantwortung stärken", sagte er dem Handelsblatt anlässlich der Festveranstaltung des Bundeswirtschaftsministeriums "60 Jahre Soziale Marktwirtschaft" am Donnerstag in Berlin.

DÜSSELDORF. Tietmeyer wird ebenso wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundeswirtschaftsminister Michael Glos dabei sein. "Erhards Erbe bleibt ein zentraler Auftrag", sagte Tietmeyer weiter. Der Wettbewerb sei heute größer als vor 60 Jahren. "Unternehmen konkurrieren deutlich schärfer, auch international." Da wundere es ihn nicht, "wenn auch die Debatten um Gerechtigkeit zunehmen. Leider oft zu engstirnig und zu einseitig."

Dass das Image der Wirtschaft in Deutschland so schlecht wie selten ist, obwohl der Wirtschaftsaufschwung bereits lange andauert, hat aus Sicht von Tietmeyer einen einleuchtenden Grund: "Nicht alles, was sich positiv auf die Gesamtwirtschaft auswirkt, ist für Einzelne vorteilhaft. Bürger denken oft in kurzen Zeiträumen und wollen verhindern, dass vermeintliche Besitzstände attackiert werden." Daher appelierte er an die Politiker in Deutschland, ihre Reformideen besser zu vermitteln. Sie müssten ihre Grundlinien "stärker verdeutlichen und so Vertrauen gewinnen". Davon hänge ab, ob sie etwas verändern könnten.

"Auch Erhard musste gegen Widerstände kämpfen, selbst in den eigenen Reihen", sagte Tietmeyer, der mit Ludwig Erhard, der als Vater der Sozialen Marktwirtschaft gilt, in den 60er-Jahren zusammengearbeitet hatte. Erhard habe es aber leichter gehabt, seine Ideen zu vermitteln, so Tietmeyer weiter. "Denn im Unterschied zu damals ist die heutige Gesellschaft heterogener und die Lage differenzierter." Die Berufswege seien heute beispielsweise unterschiedlicher und die Interessen differenzierter. "Zudem sind die tatsächlichen oder vermeintlichen Ansprüche oft größer."

CDU-Chefin Angela Merkel vertritt die Ideen Erhards, meint Tietmeyer: "Für mich ist wichtig, dass sie die Grundlinien der Sozialen Marktwirtschaft zum Maßstab ihrer Politik macht - und das tut sie." Die Konstellation der Großen Koalition erlaube es ihr allerdings nicht, alle Prinzipien durchzusetzen.

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