Ex-Minister Egon Bahr erinnert sich an den 17. Juni 1953
"Wollen Sie den Dritten Weltkrieg?"

"Als die Arbeiter damals plötzlich in meinem Büro standen und zugaben, dass es keinerlei Vorbereitung für einen Generalstreik in der sowjetischen Zone gab, da habe ich denen spontan gesagt, die Sache ist aussichtslos." Egon Bahr erinnert sich gut an jene dramatischen Momente vor einem halben Jahrhundert im geteilten Berlin.

HB DÜSSELDORF. Der ehemalige Minister, SPD-Manager und Vertraute von Willy Brandt ist heute 81 Jahre alt, ein wenig gebeugt, aber immer noch voller Tatendrang. "Wir spürten damals den steigenden Druck in der Zone - wie wir zu der Zeit noch alle sagten. Die Unzufriedenheit wuchs, weil die Normen erhöht wurden, ohne dass die Löhne gestiegen wären." Als am 16. Juni plötzlich eine aufgewühlte Abordnung der Streikenden aus dem Osten vor seinem Schreibtisch im Rias stand, wo Bahr 1953 Chefredakteur war, da kam das für ihn völlig unerwartet. "Jawohl, es war eine Überraschung - im Osten wie im Westen", betont Bahr noch heute. Keiner der Geheimdienste auf beiden Seiten der Mauer habe die krisenhafte Zuspitzung der Entwicklung vorausgesehen. "Niemand hielt es für möglich, dass die Menschen innerhalb der sowjetischen Machtsphäre aufbegehren und einen Aufstand wagen würden."

Natürlich hatte auch der junge Journalist im heißen Berliner Sommer 1953 nie erwartet, dass aufbegehrende Arbeiter aus dem Osten an den Rias die Forderungen stellen würden, der Sender solle zum Generalstreik in der Zone aufrufen. "Das konnten wir wirklich nicht", räumt Bahr heute ein. Der Rias sei ein amerikanisch gelenktes Radioprogramm gewesen. "Es war schlicht unmöglich, dass wir durch Rundfunkaufrufe einen Generalstreik in der sowjetisch besetzten Zone herbeiführen würden."

Als er aber die "leuchtenden und begeisterten Augen dieser Leute sah", habe er sie trösten wollen und deshalb höflich nach ihren Forderungen gefragt. "Die haben sie dann aufgezählt, und wir haben uns in der Redaktion an einen Tisch gesetzt und das ganze in ein vernünftiges Deutsch gebracht", schmunzelt Bahr. "Tja, daraus entstanden dann die fünf Punkte, die später überall in der DDR als zentrale Forderungen der Streikenden publik wurden."

Die Rias-Mitarbeiter hielten ihre Zusage ein und sendeten zwischen Tanzmusik und Wetternachrichten die Forderungen der Streikenden. "Dazu kam der Aufruf, dass man sich am 17. Juni um sieben Uhr morgens am Strausberger Platz treffen sollte. Wir hatten Angst, da kämen nur ein paar Leutchen hin und die würden verhaftet werden. Deshalb haben wir fleißig gesendet, damit da ein bisschen mehr stehen als nur ein paar", begründet Bahr seinen Entschluss.

Die publizistische Hilfe des Rias zugunsten der Aufbegehrenden trug dem Sender später die Ehre ein, als "Drahtzieher der Erhebung" in die Geschichte einzugehen. Bei der SED geriet der damals 31-jährige Bahr sofort in Misskredit, machte man ihn in Ost-Berlin doch für den "faschistischen Putschversuch der USA" mit verantwortlich.

Bereits drei Stunden nach der ersten Ausstrahlung der Arbeiterforderungen erschien Gordon Ewing, der US-Direktor des Senders, beim Rias. "Er war blass, aufgeregt und gab fast zitternd den Befehl, die Forderungen sofort aus dem Programm zu nehmen", erinnert sich Bahr. Der amerikanische Hochkommissar Conant habe angerufen und erbost gefragt, ob der Rias den dritten Weltkrieg beginnen wolle. "Da haben wir die Weisung natürlich befolgt." Zwar griffen die Rias-Journalisten noch zu dem Trick, den damaligen DGB-Vorsitzenden Ernst Scharnowski aus dem Bett zu holen und ihn die Forderungen der Streikenden in einem Live-Interview wiederholen zu lassen. Aber bei den Amerikanern gab es die Sorge, "dass die Russen eingreifen und ihre Panzer dann gleich nach Westberlin hereinrollen lassen."

Es durfte eben nichts passieren in dieser Zeit wachsender Spannungen - schon gar nicht im Pulverfass Berlin. Bahr nickt versonnen, dann schüttelt der alte Sozialdemokrat unwillig den Kopf: "Die Alliierten wollten um jeden Preis den Status quo erhalten. Was das bedeutet, haben wir ja dann acht Jahre nach dem 17. Juni 1953 beim Bau der Mauer in aller Brutalität voll realisiert."

Der fehlende Mut im Westen und "die Ahnungslosigkeit" der damaligen Regierung Adenauer im fernen Bonn beschäftigen den 81-jährigen SPD-Politiker noch heute. "Der Aufstand begann mit einer wirtschaftlichen Forderung nach Senkung der Normen und er endete vor dem Haus der Ministerien mit der politischen Forderung nach freien Wahlen". Bahr hegt "heute keinen Zweifel daran, dass wir ohne das Eingreifen der sowjetischen Panzer die deutsche Einheit schon damals bekommen hätten." Die DDR-Regierung sei de facto entmachtet gewesen und "sogar die Volkspolizei war dabei, auf die Seite der Aufständischen überzugehen."

Dennoch zieht das politische Urgestein 50 Jahre später ein positives Fazit: "Wir können bis zum heutigen Tage stolz darauf sein, was damals Deutsche im Osten in einer schwierigen Lage gewagt haben."

Aufstand im Osten.

Massenprotest: Der Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR war die erste Massenerhebung im Machtbereich der Sowjetunion. Rund eine Million Menschen protestierten gegen die Politik des Ulbricht-Regimes.

Hintergrund: Verschlechterung der Lebenslage sowie politische Schikane sorgten für Unwillen in der Bevölkerung.

Anlass: Nach rigorosen Erhöhungen der Arbeitsnormen ohne Lohnausgleich streikten spontan die Bauarbeiter an der Stalinallee. Tags darauf weitete sich der Protest zur Volkserhebung aus.

Forderungen: Aus rein wirtschaftlichen Forderungen entwickelten sich politische Parolen wie "Nieder mit der Regierung" und "Freie Wahlen".

Brutales Ende: Die SED-Führung war nicht mehr Herr der Lage und ließ den Aufstand mit Hilfe der Volkspolizei und sowjetischer Panzer niederschlagen. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute unklar, 50 bis 125 Menschen sollen gestorben sein. Rund 1 400 Aufständische wurden zu zum Teil langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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