Existenzgründung
Allein durch die Krise

Eine Gründerwelle hat das Land erfasst: Aus der Not heraus machen sich jetzt deutlich mehr Arbeitslose selbstständig als jemals zuvor. Und ihre Erfolgschancen sind gar nicht so schlecht.

RECKLINGHAUSEN. Sie weiß genau, was auf sie zukommt: Sieben Jahre hat Michaela Ruschenburg bei einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet. Sie hat eine neue Niederlassung aufgebaut, Dutzende von Mitarbeitern eingestellt und an andere Unternehmen vermittelt. Sie hat den Boom der noch jungen Branche erlebt und den ersten großen Bewährungstest in der Krise.

Bis Juli dieses Jahres. Bis ihr Arbeitgeber ihr kündigte. „Ich hab immer 200 Prozent gegeben – und dann das.“ Ruschenburg hadert bis heute mit ihrer Kündigung.

Die Leiharbeiter waren die ersten, die den Wirtschaftsabschwung zu spüren bekamen und ihren Job verloren. Danach haben die Zeitarbeitsfirmen begonnen, auch ihre Vermittler zu entlassen.

Michaela Ruschenburg glaubt aber weiterhin an das Modell Zeitarbeit. Sie will jetzt ihr eigener Chef werden und sich als Personalvermittlerin selbstständig machen. „Irgendwann ist die Krise vorbei, dann bin ich da“, sagt die 42-Jährige.

Die Weltwirtschaft hat die tiefste Rezession seit der Großen Depression der 30er- Jahre noch lange nicht verdaut. Sie kämpft bis heute mit den Folgen: Kreditklemme und Pleiten, überall wird gespart und gekündigt. Im August ist die Zahl der Arbeitslosen wohl erneut gestiegen. Die genauen Zahlen gibt die Bundesagentur für Arbeit am heutigen Dienstag bekannt.

Es gibt sie dennoch, die Aufbruchsstimmung im Land, die Menschen, die sich gerade jetzt in der Krise für die Selbstständigkeit entscheiden, für den Gründungszuschuss statt Arbeitslosengeld, fürs Loslegen statt aufzugeben. Es gibt sogar mehr Firmengründungen denn je – vor allem von Arbeitslosen, heißt es im aktuellen Gründerreport der Industrie- und Handelskammern.

Mehr Menschen holen sich Rat bei den Experten der Kammern, informieren sich über die Risiken der Selbstständigkeit. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres haben 80000 Deutsche den staatlichen Zuschuss beantragt, den Arbeitsagenturen an Bezieher von Arbeitslosengeld I auszahlen, wenn diese zu Unternehmern werden – und damit zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Recklinghausen, ein karger Seminarraum im Erdgesschoss der Arbeitsagentur. 70 Menschen sind an diesem heißen Augusttag hier zusammengekommen. Sie alle wollen sich beraten lassen bei ihren ersten Schritten aus der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit.

Einen mobilen Massageservice will einer von ihnen aufbauen, ein Kosmetikstudio ein anderer, einen Palmenhandel im Internet der Nächste. Auch Michaela Ruschenburg, die Personalvermittlerin, sitzt auf einem der unbequemen Plastikstühle.

Eine Geschäftsidee haben die meisten von ihnen mitgebracht und jede Menge Fragen: Wo bekomme ich finanzielle Förderung? Was muss im Businessplan stehen? Was muss ich beachten?

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