0 Bewertungen
06.05.2008 
Rürup nennt Kompromiss im Rüttgers-Streit „Nicht-Entscheidung“

Experten kritisieren CDU-Rentenbeschluss

von Karl Doemens

Der offizielle Friedensschluss der CDU im parteiinternen Rentenstreit stößt bei vielen Experten auf Unverständnis. „Was konkret der sehr interpretationsfähige CDU-Beschluss letztlich bedeutet, vermag ich nicht zu sagen. Es ist eine Nicht-Entscheidung“, sagte Bert Rürup, der Vorsitzende des Sachverständigenrates, dem Handelsblatt.

BERLIN. „Äußerst kryptisch“ nannte auch Alexander Gunkel, der Geschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) die am Vortag vom CDU-Präsidium bezogene Position: „Es fällt schwer, den Sinn zu verstehen“, sagte er dem Handelsblatt.

Nach wochenlangem Streit über die von dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers geforderte Aufstockung der Renten von Geringverdienern hatte die CDU-Spitze am Montag eine „gemeinsame Position“ definiert. Wer „ein Leben lang Vollzeit beschäftigt war“, der müsse „eine Rente oberhalb der Armutsgrenze“ beziehen, sagte Generalsekretär Ronald Pofalla. Diese müsse „bedarfsabhängig und steuerfinanziert“ ausgestaltet werden. Fragen nach weiteren Details wich der Generalsekretär mehrfach aus.

Im Konrad-Adenauer-Haus mochte man auch am Dienstag keine Einzelheiten des Modells verraten. In Parteikreisen wurde erklärt, die Formulierung sei bewusst vage gehalten. Auch handele es sich nicht um einen formalen Beschluss. Einen konkreten Handlungsauftrag gebe es für die „Grundsicherung de luxe“ nicht. Offenbar will Parteichefin Angela Merkel das Thema so möglichst aus der öffentlichen Aufmerksamkeit herausdrücken. Allerdings soll Pofalla einen Vorschlag erarbeiten, wie Anreize bei der Riester-Rente verbessert werden können, um so Altersarmut zu verhindern. Dahinter könnte sich der Vorschlag verbergen, die Bezüge aus der Riester-Rente künftig nicht mehr auf die staatliche Grundsicherung im Alter anzurechnen.

Derzeit erhalten Senioren, die von ihrer Rente nicht leben können, diese 2003 von der rot-grünen Bundesregierung eingeführte Grundsicherung von etwa 660 Euro im Monat. Anders als bei der Sozialhilfe wird das Vermögen der Kinder nicht angerechnet, wohl aber eigene Zusatzeinkünfte. Derzeit gibt es nur 370 000 Frauen und Männer, die auf diese Leistung angewiesen sind. Rüttgers hatte gefordert, dass Rentner, die 35 Jahre Beiträge gezahlt haben, auf jeden Fall 15 Prozent mehr als die Grundsicherung erhalten sollen. Dies hätte gewaltige Mitnahmeeffekte ausgelöst. Deshalb besteht die CDU-Spitze nun auf einer Bedarfsprüfung. „Wir wollen kein Gießkannenprinzip“, sagte CDU-Rentenexperte Peter Weiß dem Handelsblatt. Wie viel die Leistung für langjährig Versicherte höher als die Grundsicherung sein soll, bleibt offen. Denkbar wäre auch eine Änderung der Anrechnungspraxis bei der Riester-Rente, die den Betroffenen ebenfalls ein höheres Einkommen sichern würde.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Selbst die Eckpunkte werfen Fragen auf

Doch selbst die wenigen Eckpunkte des CDU-Beschlusses werfen weitere Fragen auf. Es sei schlicht „unpraktikabel“, die höhere Mini-Rente an eine Vollzeitbeschäftigung zu binden, wandte BDA-Geschäftsführer Gunkel ein: Die Rentenkassen wüssten nicht, ob jemand Voll- oder Teilzeit gearbeitet habe: „Das wird nicht erfasst.“ Gunkel ist der Meinung, die CDU hätte sich ihre mehrwöchige Rüttgers-Diskussion besser ganz erspart.

Hingegen nimmt der Wirtschaftsweise Rürup eine differenzierte Position ein: „Rüttgers hat ein richtiges Thema zu einem falschen Zeitpunkt instrumentalisiert“, sagte er. Die derzeitige finanzielle Lage der Rentner sei „insgesamt nicht schlecht“. Deswegen bestehe kein akuter Handlungsbedarf. Allerdings könne Altersarmut „in der Zukunft ein Problem werden“.

Rürup plädiert daher für eine „Auszeit in der aufgeregten Debatte“. In Vorwahlzeiten ließen sich derart grundsätzliche Probleme kaum lösen. Doch sollte das Thema „zu Beginn der nächsten Legislaturperiode wieder auf die Agenda“, mahnt der Professor. Solange will Rüttgers jedoch keine Ruhe geben. „Das Problem müssen wir bald in Angriff nehmen“, gab er sich in der „Süddeutschen Zeitung“ kämpferisch: „Und ich werde darauf achten, dass das auch passiert.“

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige
Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Finanzkrise: Nationale No...

    Finanzkrise: Nationale Notprogramme

    Der Vertrauensverlust in der internationalen Finanzwirtschaft zwingt die Politik zu umfangreichen Rettungsaktionen. In der Europäischen Union wird derzeit jedoch vor allem an nationalen Lösungen gebastelt. Wer tut was?Bildergalerie 

  • Hart umkämpfte Wahlkreise...

    Hart umkämpfte Wahlkreise für die SPD

    Die SPD wird bei der Bundestagswahl 2009 etliche Direktmandate verlieren. Betroffen davon sind vor allem Wirtschaftspolitiker und Konservative der Bundestagsfraktion. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Lüthke Politikberatung für das Handelsblatt.Bildergalerie 

  • Becksteins mögliche Erben...

    Becksteins mögliche Erben in Bayern

    Nach dem Wahl-Debakel und nur zwölf Monaten Amtszeit gibt sich Ministerpräsident Günther Beckstein geschlagen. Die Parteikollegen trauerten nicht lang. Bereits am Dienstagnachmittag stellten sich drei Amtsanwärter zur Verfügung. Und mit Horst Seehofer hält sich auch ei...Bildergalerie 

  • Das politische Stehaufmän...

    Das politische Stehaufmännchen

    Im vergangenen Jahr war Horst Seehofer noch Erwin Huber bei der Wahl zum Parteivorsitzenden unterlegen, nun scheint der designierte neue Parteichef endlich am Ziel. Er wolle die CSU „in ihrem Mythos, in ihrer Einmaligkeit, in ihrer Erfolgsgeschichte“ der vergangenen fü...Bildergalerie 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Merkel & Co überhöhen den Staat  Artikel in Merkliste

07.10.2008 von Thomas Hanke

Merkel verkalkuliert sich: Sie spekuliert auf das Vertrauen der Bürger in den Staat, füllt dessen Aufgaben aber nicht überzeugend aus. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Wo steht der Feind?  Artikel in Merkliste

07.10.2008 von Andreas Rinke

Durch Verhandlungen mit den Taliban könnte den westlichen Soldaten der Feind abhanden kommen. Eine Klärung ist erforderlich. Kommentar