Experten sehen Ende der Frühverrentung
Späterer Ruhestand belastet kurzfristig den Arbeitsmarkt

Das Auslaufen der weit verbreiteten Frühverrentungspraxis wird in den nächsten Jahren nach Einschätzung von Experten vorübergehend die Arbeitslosigkeit erhöhen. „Die weit gespannte Brücke zur Rente wird schlagartig abgerissen“, urteilt der wissenschaftliche Berater des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) Meinhard Miegel.

BERLIN. Er rechnet bis 2008 mit etwa 560 000 älteren Beschäftigten, die zusätzlich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, weil sie ihre Vorstellung vom vorzeitigen Ausstand nicht verwirklichen können. Ältere Arbeitslose, die keinen Job mehr finden, müssen nach Angaben des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR) eine „erhebliche Rentenminderung“ durch lebenslange Abschläge bis zu 15 Prozent in Kauf nehmen.

Seit den siebziger Jahren werden Vorruhestand und Frühverrentung in offenem Einvernehmen zwischen Arbeitnehmern, Arbeitgebern und Politik praktiziert. Laut dem zur Deutsche-Bank-Gruppe gehörenden DIA beenden fast zwei Drittel der männlichen Beschäftigten bislang auf diese Weise vorzeitig ihre Berufstätigkeit – zu Lasten der Arbeitslosen- und Rentenkassen. Doch mit der Einführung von Abschlägen bei der Rente, der stufenweisen Anhebung des frühestmöglichen Zeitpunkts, von dem an eine Altersrente nach Altersteilzeit oder Arbeitslosigkeit in Anspruch genommen werden kann, sowie der Verkürzung der maximalen Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes hat die Politik in den vergangenen Jahren diesen beliebten Weg zunehmend versperrt.

Erste – ausdrücklich gewollte Folgen – zeichnen sich bereits ab: „Viele Versicherte schieben inzwischen ihren Renteneintritt hinaus“, sagt VDR-Direktor Franz Ruland. Das durchschnittliche Zugangsalter zur gesetzlichen Alterssicherung stieg in Westdeutschland bei Männern seit 1997 von 62,3 Jahren auf 63,1 Jahre. Bei Frauen erhöhte sich die Schwelle von 62,8 auf 63,3 Jahre. Allerdings, warnt Ruland, seien diese Zahlen demografisch bedingt überzeichnet. Sie beschrieben aber einen Trend, der sich bei den Jüngeren verstärken dürfte.

Bislang freilich, so behauptet eine aktuelle DIA-Studie, habe der faktische Anstieg des Rentenalters noch nicht zu einer längeren Erwerbstätigkeit der Betroffenen geführt. Die Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-jährigen Männer verharre seit rund zehn Jahren bei etwa 30 Prozent. Als Grund nennt das DIA die starke Inanspruchnahme des Vorruhestandes. Auch viele Unternehmen haben ihre Beschäftigten in der Vergangenheit per Aufhebungsvertrag bewegt, bereits mit 58 Jahren in die Arbeitslosigkeit mit anschließender Frühverrentung ab 60 zu wechseln.

Diese Möglichkeit fällt ab 2006 aber weg. Dann wird die maximale Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes auf 18 Monate verkürzt und das Mindestalter für den abschlagpflichtigen Renteneintritt bei Männern auf 63 Jahre angehoben. Für viele Betroffene, so Miegel, bringe dies „einen kurzfristigen Schock“. Doch auch die Arbeitgeber müssten sich auf die absehbare Alterung ihrer Beschäftigten einstellen und „neue Personalstrategien“ entwickeln. Von der Politik verlangt das DIA, sie müsse trotz zunächst unangenehmer Begleiterscheinungen „Kurs halten“. Bis 2008 werde das zunehmende Angebot älterer Arbeitskräfte nämlich zu einem „Stau“ auf dem Arbeitsmarkt führen und es für jüngere Menschen noch schwieriger machen, einen Job zu finden. Doch handele es sich dabei um ein Übergangsproblem.

VDR-Direktor Ruland sieht die Entwicklung skeptischer: Die Verkürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes zusammen mit der Hartz-IV-Reform, so fürchtet er, könne dazu führen, dass ältere Erwerbslose ohne Job-Chancen sich trotz hoher Abschläge eher für eine vorgezogene Rente als für das Arbeitslosengeld II entscheiden. Dies werde für die Betroffenen „gravierende finanzielle Folgen“ haben. Derzeit müssen Frührentner einen durchschnittlichen Abschlag von 173 Euro im Monat verwinden.

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