EZB-Eröffnung
Wie ich Frankfurt im Ausnahmezustand erlebe

Schwarzer Rauch, brennende Müllcontainer, herausgerissene Pflastersteine: Seit dem frühen Morgen legen die Demonstranten von Blockupy Frankfurt rund um die EZB lahm. Ein Ortsbesuch unseres Korrespondenten.
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FrankfurtDicke, schwarze Rauchwolken und überall Polizisten. Das ist das erste, was ich sehe, als ich die Treppen der S-Bahn-Station Konstabler Wache in der Frankfurter Innenstadt hochgehe. Der beißende Geruch von verbranntem Gummi brennt in meiner Nase. Er kommt wohl von Autoreifen. Am Himmel knattert ein Polizeihubschrauber. Es ist wie im Krieg – oder besser gesagt: So stelle ich ihn mir vor.

Sechs Uhr, heute Morgen. Meine erste Sorge: Was ziehe ich an? Ich soll über die Blockupy- Demo vor der EZB berichten. Statt Anzug und Hemd für die Redaktion entscheide ich mich für Wollpulli und Jeans. Sicher ist sicher, denke ich.

Die eine Seite der Fußgängerzone ist versperrt. In einer Reihe haben sich Polizisten mit Helm und Schutzschild aufgebaut. Durchkommen? Fehlanzeige. Also laufe ich durch die Nebenstraßen. Während gerade noch überall Polizisten waren, begegne ich hier keinem einzigen. Stattdessen komme an einen Infopunkt der Linkspartei. Dort gibt es Wasser, Kaffee, Stadtpläne – und Informationen.

Ich solle rechts und dann wieder links gehen, sagt man mir. In der Nähe sehe ich den EZB-Turm schon. Dass es Krawalle gibt, kann ich hier schon spüren. Der Fußweg ist nicht mehr ganz, Pflastersteine wurden herausgerissen und zieren die Straße.

Wieder eine Polizeiabsperrung: Hier tummeln sich als Clowns verkleidete Aktivisten. Sie tragen rote Nasen und Perücken in grün, lila und regenbogenfarben. Die Clowns hüpfen vor den aneinandergereihten Polizisten auf und ab. Sie werfen Säcke mit Stroh in die Luft. Sie schreien: „Lasst den Clown raus.“ Manchmal kommen sie den Polizisten so nahe, dass die sie mit dem Schutzschild wegschubsen. Ein Aktivist kniet sich auf den Boden und streckt den Polizisten den Hintern entgegen. Deren Gesichter bleiben regungslos.

Sie trillern mit Flöten und Pfeifen. Es ist etwa 7.30 Uhr und hinter der Absperrung stehen die Anwohner auf ihren Balkonen. Eine Frau winkt vorsichtig, andere Anwohner verziehen genervt das Gesicht. Ein Passant fährt auf dem Fahrrad vorbei und murmelt: „Nicht provozieren lassen.“

Ich möchte nicht mit den Polizisten tauschen. Vom frühen Morgen an müssen sie das Schauspiel über sich ergehen lassen – und kühlen Kopf bewahren. Ob ich das könnte? Ich weiß es nicht.

Auf dem Rückweg zu Redaktion komme ich an angebrannten Müllcontainern vorbei, die auf der Straße liegen und qualmen. Vor einer Ampel hantieren Vermummte mit Sonnenbrillen und Kapuzenpullis an Müllcontainern. Davor stauen sich Autos, darunter auch Luxuswagen von BMW und Mercedes. Polizei? Fehlanzeige.

Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent

Kommentare zu " EZB-Eröffnung: Wie ich Frankfurt im Ausnahmezustand erlebe"

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  • Herr Buch,
    leidr muß ich Ihnen Recht geben.

  • Hätten wir dieses "Friedensprojekt" Euro nicht, wäre uns sehr viel erspart geblieben. Unter anderem das, was jetzt passiert.

    Man mag mich einen Verschwörungstheoretiker nennen, aber für mich hat das Ganze System: Diese Krawalle werden von den Regierenden als Anlaß genommen werden, Freiheiten noch weiter zu beschneiden, noch mehr zu kontrollieren, abzuhören etc. etc. Daß die Art, WIE über die Köpfe ALLER hinwegregiert wird, solche Exzesse erst ermöglicht, darüber wird nicht diskutiert.

    Europa war NIEMALS friedlicher, als direkt vor der Einführung des Euro. Diese dreimal verfluchte Kunstwährung mußte Zeit ihres Bestehens gerettet werden, KEINES der Versprechen, die uns gegeben wurden, hat die Währung, respektive ihre Verteidiger, je gehalten. Ich habe schon vor der Einführung des Euro nicht an diese Kunstwährung geglaubt, aber daß es in so kurzer Zeit so schlimm kommen würde, hätte ich selbst in meinen pessimistischsten Gedanken niemals geglaubt.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

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