Fachkräfte gesucht

Dramatischer Einbruch auf dem Lehrstellenmarkt

Die Wirtschaftskrise und die Demografie hinterlassen Schleifspuren auf dem Ausbildungsmarkt. Trotz erheblicher Nachvermittlungsbemühungen ist die Zahl der neu besetzten Ausbildungsplätze erstmals seit Jahren deutlich zurückgegangen. Die Wirtschaft schlägt Alarm und kritisiert die Ausbildungsreife der Bewerber.
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Hauptursache ist nicht die mangelnde Ausbildungsbereitschaft der Betriebe in der Krise. Schuld ist vor allem die Geburtenmüdigkeit der Deutschen. Sie führt zu sinkenden Schülerzahlen. Quelle: dpa

Hauptursache ist nicht die mangelnde Ausbildungsbereitschaft der Betriebe in der Krise. Schuld ist vor allem die Geburtenmüdigkeit der Deutschen. Sie führt zu sinkenden Schülerzahlen.

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BERLIN. Bis Ende November wurden in Industrie, Handel und Handwerk 8,7 Prozent weniger Verträge abgeschlossen als zum gleichen Termin des Vorjahres. Die Industrie- und Handelskammern (IHK) melden sogar ein Minus von 9,6 Prozent. Im Handwerk sieht es mit einem Rückgang von 6,8 Prozent etwas besser aus. Am größten ist der Rückgang im Osten: Dort wurden den Industrie- und Handelskammern sogar 14,1 Prozent weniger Lehrverträge gemeldet als im Vorjahr (Westdeutschland: minus 8,5 Prozent). Nur in den freien Berufen, also in Arztpraxen, Anwaltskanzleien und Architekturbüros, ist die Lage mit einem Minus von 2,9 Prozent zu Ende September noch einigermaßen stabil.

Hauptursache ist nicht die mangelnde Ausbildungsbereitschaft der Betriebe in der Krise. "Das zeigen die Nachvermittlungen der IHKs. Dort kamen im Schnitt auf einen Suchenden noch 2,6 Ausbildungsangebote - und damit trotz Krise mehr als im Vorjahr", sagt DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann. Viele Tausend Lehrstellen hätten nicht besetzt werden können.

Schuld ist vor allem die Geburtenmüdigkeit der Deutschen. Sie führt zu sinkenden Schülerzahlen. Als Folge sank in diesem Jahr die Zahl der Schulabgänger um vier Prozent, im Osten sogar um 15,5 Prozent. Die Zahl der Lehrstellenbewerber, die der Bundesagentur für Arbeit gemeldet wurden, ging sogar mit 14 Prozent noch deutlich stärker zurück. Erst hier kommt die Wirtschaftskrise ins Spiel. Sie führt nach Einschätzung des DIHK dazu, dass mehr Schulabgänger sich statt für eine berufliche Ausbildung für ein Studium oder eine andere Weiterbildung entscheiden.

"Diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren dramatisch fortsetzen. Den Betrieben droht damit erheblicher Fachkräftemangel", warnt Driftmann. "Der Trend wird rückläufig bleiben", sagt auch Handwerkspräsident Otto Kentzler. Denn 2010 würden in den neuen Ländern erneut 13 Prozent weniger Schulabgänger erwartet, im Westen ein Prozent weniger. "Da die Gruppe der Altbewerber, die tatsächlich eine duale Ausbildung suchen, zahlenmäßig nur noch sehr gering ist, müssen wir von weiter sinkenden Lehrlingszahlen ausgehen." Nach Schätzungen des Bundesinstituts für Berufsbildung wird die Zahl der potenziellen Bewerber für eine Ausbildung bis 2010 um 30 Prozent schrumpfen.

Ein umso größerer Skandal ist aus Sicht der Wirtschaft, dass immer noch Jahr für Jahr 65 000 oder acht Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss verlassen. Sie hätten kaum eine Chance auf einen Ausbildungsplatz, klagt Driftmann. Kentzler will deshalb den im kommenden Jahr auslaufenden Ausbildungspakt zu einem "Pakt Fachkräftesicherung" weiterentwickeln. Oberstes Ziel müsse es sein, die Ausbildungsfähigkeit der weniger werdenden Bewerber zu verbessern. "Unsere Büros, Praxen und Kanzleien können Defizite beim Lesen, Rechnen und Schreiben, aber auch in der Sozialkompetenz vieler Schulabgänger nicht allein auffangen", klagt der Präsident des Bundesverbands der freien Berufe, Ulrich Oesingmann.

Bei der Verbesserung der Ausbildungsreife müsse bereits im Elternhaus angesetzt werden, fordert Oesingmann. Er unterstützt damit die Forderungen der AG Mittelstand, eines Zusammenschlusses von neun Wirtschaftsverbänden vom Gaststättengewerbe bis zu den Raiffeisenbanken. Eltern und Schule müssten enger kooperieren, zum Beispiel durch Lern- und Erziehungsvereinbarungen, heißt es auch in einem Positionspapier, auf das sich die neun Verbände verständigt haben. Der Forderungskatalog der AG an die Bildungspolitiker reicht von besser qualifizierten Erziehern, gezielter Sprachförderung in Kindergärten und einer engeren Kooperation von Hort und Grundschule über einen "bedarfsgerechten Ausbau" von Ganztagsschulen bis zum Einsatz von mehr Sozialpädagogen an den Schulen. "An den Schulen vermisst die Wirtschaft spezifische Förderangebote für typische Lernschwächen. Bei Jungen ist das vor allem das Lesen. Mädchen tun sich oft schwer mit Mathematik und Naturwissenschaften. Laut der jüngsten Pisa-Studie können rund 20 Prozent der 15-jährigen Schüler nur auf Grundschulniveau lesen, rechnen und schreiben. Insgesamt gebe es an den Schulen zu wenig individuelle Förderung.

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4 Kommentare zu "Fachkräfte gesucht: Dramatischer Einbruch auf dem Lehrstellenmarkt"

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  • in diesem land gibt es wirklich keine anreize mehr einen beruf zu erlernen oder eine ausbildung zu machem, warum auch?!damit man z.b.als frisör/in rund 3.60 € (ost) verdient,als handwerker mit gesellenbrief bei 8,50-11 (ost) Euro liegt oder als studienabgänger ein endlos unbezahltes praktikum bekommt und die wirtschaft die den fachkräften mangel beschört sich zum teil die taschen voll stopfen um danach saatshilfen in millardenhöhe einzufordern. solange diese unsere gesellschaft nicht bereit ist eine anderen weg zu beschreiten wird sich jeder überlegen ob er kinder bekommt,eine ausbildung macht oder bereit ist was für diese gesellschaft zu tun.

  • @ AZ

    genau, es geht bei dem Geschrei um angeblichen Fachkräftemangel doch nur um den Wunsch der Wirtschaft, noch billigere Arbeitssklaven aus dem Ausland holen zu dürfen, bzw. die eigenen Menschen noch schlechter bezahlen zu können.

    Es gibt keinen Fachkräftemangel, nur einen Mangel am Willen zur angemessenen Entlohnung.

  • Um sich ein richtiges bild vom Lehrstellenmarkt zu verschaffen, müssten erst einmal verlässliche , d.h. neutral erhobene Zahlen existieren.
    Das hier einiges im Argen liegt, zeigt der Artikel von "Focus":
    -> http://www.focus.de/finanzen/news/arbeitsmarkt-trotz-wirtschaftskrise-weniger-lehrstellensuchende_aid_444515.html

  • Wozu soll man sich heute noch anstrengen, eine gescheite Asubildung und Weiterbildung zu haben. Die Unternehmen die lauthals schreien es herrsche arger Fachkräftemangel, sind die Gleichen, die bei den Personalkosten sparen und sparen und nur noch Leiharbeiter beschäftigen. Laut Tarif erhält ein Leiharbeiter ganze € 9,37 und muss dafür eine abgeschlossene mid. 3jährige Ausbildung mitbringen, sowie reichlich berufspraxis (die selbstverständlich nicht entlohnt wird). Und selbst namhafte Zeitarbeitsfirmen halten sich nicht an die Tarife, sondern finden "Tricks", weniger zu zahlen, als sie müssten. Meldet man sich krank, wird einem erstmal einfach das Stundenkonto geräumt, statt eine Lohnfortzahlung zu gewähren, wie es der Gesetzgeber vorsieht. Warum also eine gute Ausbildung und sich weiterbilden? Etwa um einen 40 Cent höheren Stundenlohn zu erzielen? Jeder, der Fulltime bei einer Zeitarbeitsfirma arbeiten muss, ist ohnehin auf ergänzende Leistungen vom Staat angewiesen. Da ist es doch einfacher, sich gleich ganz von Vater Staat entlohnen zu lassen; oder?

    ich gebe hier Erfahrungen aus dem Familienkreis wieder, die belegbar sind und keine allgemeinen Vorurteile gegen Zeitarbeit.

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