Fachkräftemangel
Der Flächentarifvertrag kehrt zurück

Lange Zeit litt der Branchentarif unter einem schlechten Ruf. Doch nun mehren sich Vorboten, dass die Betriebe sich gegen die starren Tarifregeln nicht mehr sträuben. Grund ist vor allem der Fachkräftemangel.
  • 1

BERLIN. Einmal im Jahr misst das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Macht der Tarifparteien - und kommt dabei regelmäßig besonders für Ostdeutschland zu ernüchternden Ergebnissen: Galt dort 1996 immerhin noch für 56 Prozent der Arbeitnehmer ein branchenweiter Tarifvertrag, so waren es 2009 nur noch 38 Prozent. Der Flächen- oder Branchentarif hatte jahrelang den Ruf, Betriebe mit teuren, starren Vorgaben zu belasten. Das trieb Firmen zur Flucht aus den Verbänden und aus der Tarifbindung.

Doch nun deutet sich unter dem Einfluss von Fachkräftemangel eine Trendwende an. Noch ist sie statistisch zwar kaum messbar - doch die Vorboten mehren sich: Wo umworbene Fachkräfte die Auswahl haben und potenziellen Arbeitgebern Bedingungen stellen können, tun starre Tarifregeln den Arbeitgebern nicht mehr so weh. Und zugleich können sich Betriebe nun gerade durch Tariftreue als attraktive Arbeitgeber positionieren.

Tarifbindung als "Gütesiegel"

"Der Fachkräftemangel wird zu einem Comeback des Flächentarifvertrags führen", sagt Hartmut Meine, IG-Metall-Chef für den Bezirk Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, bereits voraus. "Betriebe, die Niedriglöhne unterhalb des Flächentarifs zahlen, werden die Verlierer im Wettbewerb um Fachkräfte sein", warnt der Gewerkschafter. Die Personalpolitik stehe vor einem "Paradigmenwechsel" - es beginne "ein neuer Megatrend". Meine steht damit nicht allein. Auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt erwartet, dass Flächentarife unter den Vorzeichen von Fachkräftemangel für die Firmen "umso attraktiver werden".

Und es sind auch nicht nur Vertreter der Tarifparteien, die sich entsprechend positionieren. Beispiel Sachsen-Anhalt: Dort hat die Landesregierung, vertreten durch ihren Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU), dazu soeben eine breitangelegte Initiative mit auf den Weg gebracht - sie will Firmen die Tarifbindung als "Gütesiegel" nahebringen.

Das hat konkrete Gründe. Denn die anderswo erst allmählich absehbaren Verschiebungen am Arbeitsmarkt zeigen sich im Osten bereits wie im Brennglas: Durch den Geburtenknick nach der Wende werde die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte in Sachsen-Anhalt schon binnen fünf Jahren um 15 Prozent sinken, warnt Haseloff. Die Zahl der Schulabgänger reichte rechnerisch schon in diesem Jahr nicht mehr, um alle Ausbildungsplätze zu besetzen.

Seite 1:

Der Flächentarifvertrag kehrt zurück

Seite 2:

Kommentare zu " Fachkräftemangel: Der Flächentarifvertrag kehrt zurück"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • weil wenn die Jobs tatsächlich dann noch vorhanden wären, wäre der Flächentarifvertrag nur wieder eine Lösung pro Unternehmen wider dem Arbeiter und Angestellten. Minderlöhne jetzt zu sanktionieren ist daher der falsche Weg. Da sollten besser die Unternehmen gleich verklagt werden, wenn sie nicht einem Flächentarifvertrag beitreten!

    Arbeiter und Arbeitnehmer, Du bleibst der Dumme, egal wie die Mächtigen es drehen und wenden. Weil Du allein bist die Melkkuh!!!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%