Fachkräftemangel
Unternehmen geben auch schlechten Schülern eine Chance

Auf dem Lehrstellenmarkt wird immer heftiger um den dringend benötigten Nachwuchs gebuhlt. Viele Unternehmen locken Lehrlinge mit Zusatzangeboten und akzeptieren auch Bewerber mit geringerer Qualifikation.
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HB BERLIN. Angesichts des drohenden Fachkräftemangels will jedes zweite deutsche Unternehmen 2011 mehr Lehrlinge ausbilden und dabei auch schwächeren Schulabgängern eine Chance geben. Um diese erfolgreich bis zum Gesellenbrief zu bringen, fordern die Firmen mehr externe Hilfe. Das ist das Ergebnis des Qualifizierungsmonitors des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für das Bundeswirtschaftsministerium, der dem Handelsblatt vorliegt.

Um die Lage bei Ausbildung und Qualifizierung und vor allem den künftigen Bedarf an Fachkräften festzustellen, hatte das IW zwischen Juli und September 1800 Unternehmen aller Größenklassen befragt. Danach fehlt es in den nächsten Jahren sowohl an Fachkräften als auch an Akademikern. Dem Qualifizierungsmonitor zufolge organisieren schon heute zwei Drittel der ausbildenden Unternehmen zumindest für einen Teil ihrer Lehrlinge Nachhilfe. Gute Bewerber wollen sie künftig verstärkt mit Zusatzangeboten locken, etwa einem Studium parallel zur Ausbildung.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) lobt die Bemühungen der Wirtschaft: "Die Ergebnisse der Unternehmensbefragung belegen das Ausbildungsengagement der Unternehmen. Sie zeigen unter anderem, dass wir vor allem eine verstärkte Berufsorientierung an den Schulen benötigen, um Eltern wie Schüler bei einer intelligenten Berufswahl zu unterstützen", sagte Brüderle dem Handelsblatt. Dies erhöhe den späteren Beschäftigungserfolg der Jugendlichen. Dabei dürften die Neigungen und Interessen der Heranwachsenden nicht zu kurz kommen. Insgesamt geht der Nachwuchs zumindest am Lehrstellenmarkt schon jetzt zurück, denn die Zahl der Schulabgänger sinkt bereits.

Die Zahl der künftigen Akademiker hingegen wird noch viele Jahre steigen. Denn bis zum Jahr 2014 nimmt die Zahl der Studienanfänger wegen der doppelten Abiturjahrgänge weiter zu und damit – zeitversetzt – auch die Zahl der Absolventen.

Im vergangenen Jahr blieben nach dem IW-Monitor rund 13 Prozent der Ausbildungsplätze unbesetzt. Das wären bundesweit etwa 75 000 Vakanzen, rechnet der Autor der Studie, Dirk Werner, vor. Das entspreche ziemlich genau der Zahl der unversorgten Bewerber, die sich eine Alternative gesucht hätten. Der Hauptgrund für die frei gebliebenen Ausbildungsplätze sei die mangelnde Qualifikation der Schulabgänger. Doch bereits knapp die Hälfte der befragten Unternehmen klagt auch darüber, dass es schlicht zu wenig Interessenten gebe. Das sei schon ein sehr hoher Anteil, so die IW-Studie.

Angesichts des sich abzeichnenden Fachkräftemangels müssten „noch mehr als bisher alle Potenziale ausgeschöpft werden“, sagte Brüderle. Dafür müssten auch die Rahmenbedingungen für die Unternehmen stimmen. „Wir werden diese Fragen im Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs aufgreifen, den wir zurzeit mit den Paktpartnern neu verhandeln und in Kürze unterzeichnen wollen“, erklärte der Minister.

Drei von vier Unternehmen machen schon heute Abstriche und engagieren auch Azubis, die nicht ihren Idealvorstellungen entsprechen. Bei Großunternehmen liegt der Prozentsatz noch weit höher. Nach wie vor hätten sehr viele Unternehmen am liebsten Abiturienten als Lehrlinge. Migranten sprechen sie eine fast ebenso gute Motivation zu wie Bewerbern deutscher Abstammung, vermuten aber generell geringere Kompetenzen.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Fachkräftemangel: Unternehmen geben auch schlechten Schülern eine Chance"

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  • Die Fachkräfte sind da. Die Unternehmen wollen diese Fachkräfte nicht zahlen und suchen immer über die Personaldienstleister, wo ein Stundenlohn von 10€ gezahlt wird. Was natürlich inakzeptabel ist und die Wirtschaft ruiniert.

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