Falsch deklarierte Tiefkühlgerichte
Frankreich verteilt Pferdefleisch an Arme

In 34 amtlichen Proben ist bereits falsch etikettiertes Pferdefleisch aufgetaucht. Ministerin Aigner sieht den Handel in der Pflicht. In Frankreich wollen Hilfsorganisationen die eingezogenen Tiefkühlgerichte verteilen.
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Im europaweiten Pferdefleischskandal haben sich nun mehrere französische Hilfsorganisationen zu Wort gemeldet: Sie bitten darum, die aus dem Handel gezogenen Tiefkühlgerichte an Bedürftige verteilen zu dürfen. Voraussetzung sei aber, dass die Gesundheitsbehörde eine Garantie für die Unbedenklichkeit der Produkte gebe, sagte ein Sprecher des französischen Verbandes der „Lebensmittelbanken“, die landesweit etwa in Supermärkten Lebensmittel sammeln und an Initiativen weiterleiten.

Die Organisation „Secours Populaire“, die im vergangenen Jahr 181 Millionen Gerichte an 2,4 Millionen Bedürftige verteilte, schließt eine Verwendung der aus den Regalen genommenen Produkte wie Tiefkühl-Lasagne ebenfalls nicht aus. Allerdings müsse deren Etikettierung korrekt sein und beispielsweise die Präsenz und Herkunft von Pferdefleisch angegeben werden, sagte ein Sprecher.

Auch die populären „Restos du Coeur“ kündigten an, sie würden besonders auf die Rückverfolgbarkeit von Fleisch in Fertigprodukten achten. Das Rote Kreuz in Frankreich schließt hingegen eine Weitergabe der aus dem Verkehr gezogenen Tiefkühl-Gerichte aus. „Dies ist eine Frage der Würde“, betonte ein Sprecher. Die Organisation wolle die Ärmsten nicht stigmatisieren. „Wenn man nicht genug zu essen hat, bedeutet dies nicht, dass man isst, was andere nicht wollen.“

Die deutschen Behörden entdecken unterdessen immer mehr undeklariertes Pferdefleisch in Lebensmitteln. Bisher seien 34 von 485 amtlichen Proben positiv gewesen, sagte Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) am Mittwoch. Sie betonte die Verantwortung des Handels für die Qualität der Produkte. „Jeder Pizzabäcker weiß, welche Zutaten er verarbeitet. Auch große Handelskonzerne, die unsere ganze Republik beliefern, müssen jederzeit wissen, was drin ist in ihren Produkten und woher es kommt“, sagte Aigner der „Bild“-Zeitung.

Der Handelsriese Rewe wies Kritik an mangelnden Qualitätskontrollen der Branche zurück. „Die Unternehmen des Handels machen heute schon hundertfach mehr eigene Kontrollen als die Lebensmittelbehörden“, sagte Rewe-Vorstand Manfred Esser der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der Handel habe erhebliche wirtschaftliche Schäden und Rufschaden infolge von Betrugsfällen. „Wir hatten Rindfleisch bestellt und dafür bezahlt, und nun haben wir in einzelnen Fällen Pferdefleisch in den Regalen.“ Esser nannte es erschreckend, dass „beinahe reflexartig“ mit Schuldzuweisungen an den Handel reagiert werde, bevor die Politik alle Möglichkeiten der Aufklärung ausgeschöpft habe.

Laut Bundesverbraucherministerium wurden in den amtlichen Proben jeweils mehr als ein Prozent Pferdefleisch festgestellt. Daher müsse nicht nur von Spuren, sondern von einer Beimischung gesprochen werden. Weitere 18 Untersuchungen von Pferdefleisch auf Rückstände von Tierarzneimitteln seien negativ ausgefallen.

Auch die Staatsanwaltschaft Oldenburg beschäftigt sich mittlerweile mit dem Lebensmittelskandal. Die Behörde ermittelt gegen das niedersächsische Fleischunternehmen Schypke. Es bestehe der Verdacht, dass in dem Betrieb Pferdefleisch verarbeitet worden sei, sagte eine Sprecherin. Dies könne ein Verstoß gegen das Lebensmittel- und Futtermittelgesetz darstellen. „Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen, wir produzieren weiter“, sagte Schypke-Vertriebschef Manfred Diekmann.

Der Vorsitzende des Bundestags-Verbraucherausschusses, Hans- Michael Goldmann (FDP), nannte es überlegenswert, dass die Wirtschaft einen Geldtopf zur Mitfinanzierung von Kontrollen einrichtet. „Es darf nicht sein, dass Betrügern durch eine schwierige Finanz- und Personalsituation in den Überwachungsbehörden ein Hintertürchen auf Kosten der Verbraucher geöffnet bleibt.“

Die SPD kritisierte, Aigners Krisenplan enthalte vor allem Prüfaufträge. Nötig seien rechtliche Schutzvorschriften für Mitarbeiter, wenn sie Lebensmittelskandale aufgedeckten, forderte die SPD-Verbraucherpolitikerin Elvira Drobinski-Weiß. Das geltende Verbraucherinformationsrecht verhindere zudem, dass Behörden die Namen von Pferdefleischprodukten und Herstellern nennen dürften. Die Grünen-Abgeordnete Nicole Maisch forderte Aigner auf, konkrete Regelungen zum Abschöpfen unrechtmäßiger Gewinne bei Lebensmittelverstößen vorzulegen.

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  • Essen Sie nun jeden Abfall, durchgedreht auch selbst? Das würden Sie wahrscheinlich nicht mögen, aber anderen empfehlen. Vielen Dank für soviel Menschlichkeit.

    Pferdefleisch von gesunden Pferden, darum geht es hier doch vor allen Dingen. Und da die Kette nicht lückenlos, werden Sie wohl zugestehen müssen, der Trickserei kommt man durch dilettantischen Maßnahmen nicht bei.

  • Da bestätigt sich für mich einmal mehr, daß eine Umetticketierung, frei dem Motto "transformé en France" die Auswüchse Brüsseler Befindlichkeiten einer Lebensmittel-Industrie durch die ärgsten Skandale keinen Abbruch bei der Verwertung dieser haben muß.

    Wer jedoch die Gesundheit der Menschen aufs Spiel setzt, handelt in jedem Falle grob fahrlässig.

    Dieserhalb kann man im Streit um die Auskunftspflicht der Bundesbehörden im Falle der Klage von Journalisten die Ablehnung und den Kommentar des Bundesverwaltunggerichts sehen wie man will. Klarheiten sind letztlich ausgeräumt und jeder kann davon träumen im Recht zu sein. Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Juristen scheint damit gesichert. Wer hätte das gedacht.

    Wehret den Anfängen nein, wir sind mittendrin und es wird beständig versucht, das Problem herunterzuschreiben. Meinungsfreiheit, ein hohes gut der Demokratie. Es trauen sich in der Bevölkerung immer mehr darauf zu verweisen, wie ihnen geschah und mit welchen Mitteln sie regelrecht "bearbeitet" wurden. Hier und dort Roß und Reiter zu nennen, das sollte eine freie Presse in einem freien Land wohl tun dürfen?

    Seit einigen Jahren stelle ich jedoch zunehmend fest, die Strukturen haben sich bis ins Mark festgefressen. Auf der anderen Seite gegen rechts (Nazis) kämpfen zu wollen, hat damit fatale Folgen für die Aufarbeitung derer, die dem System von 1933-1945 in der NEO-liberalen ZEIT den Garaus machen zu wollen.

    Nicht immer steht auf der Verpackung was drauf, was drin ist. Dafür sollten die BürgerINnen mehr als nur sensibilisert werden. Ich fürchte jedoch selbst an der Aufarbeitung haben bis anhin die wenigsten Institutionen ein eklatantes Interesse.

    Wehren wir weiteren Anfängen in dieser Richtung und unterstützen solche Menschen und Interessengemeinschaften, die sich vehement dafür einsetzen, die Dinge ins richtige, nichts ins rechte, Licht bringen. Mehr unter http://grundgesetzbruch.de/artikel/index.html und Sie werden fündig und geholfen werden.

  • Eine gute Idee, solange das Fleisch frei von Antibiotika und Aufputschmitteln ist und nicht von abgehalfterten Renn- und Turnierpferden stammt. Ach neh, auch gut. Die Armen können sich ja sowieso keine Medikamente mehr leisten ... Alles wird gut.

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