Familie steht für wertorientierte Erziehung
Hundt: "Förderung muss überprüft werden"

Das Handelsblatt spricht mit Dieter Hundt über deutsche Familienpolitik. Hundt ist Präsident der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).

Handelsblatt: Der Kanzler setzt die Familie ganz oben auf seine Agenda. Zu Recht?

Ja. Familie ist unverzichtbar für eine stabile und langfristige Entwicklung der Gesellschaft. Familien müssen weiter gestärkt werden, und Kinder wieder einen willkommenen Platz bekommen. Die aktuelle demographische Entwicklung ist höchst alarmierend: 2020 wird Deutschland in der EU das Land mit dem geringsten Anteil junger Menschen sein.

In der Wirtschaft hat das Thema lange keine Rolle gespielt. Was hat sich geändert?

Unser Wirtschaftssystem hängt vielfach von der Existenz der Familien ab: Familie steht für Kinder, für soziale Sicherheit und für eine wertorientierte Erziehung. Alle drei Aspekte sind für die Wirtschaft bedeutend. Zudem können wir es uns angesichts eines verschärften Fachkräftemangels nicht leisten, auf gut qualifizierte Frauen und Mütter zu verzichten. Zwei Drittel der Betriebe bieten ihren Mitarbeitern mittlerweile Instrumente zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie an und profitieren von höherer Arbeitszufriedenheit und geringeren Fehlzeiten. Trotzdem bleibt das Thema für Unternehmen eine große Herausforderung, zumal die unbefriedigende Wirtschaftslage und die politischen Rahmenbedingungen zusätzliches Engagement erschweren. Der öffentlich immer wieder thematisierte Betriebskindergarten ist zum Beispiel nicht für alle Unternehmen sinnvoll. Außerdem darf der Staat die Verantwortung für 1,2 Millionen fehlende Betreuungsplätze für Kleinkinder nicht auf uns abwälzen.

Die Politik hat versucht, mit Familienurlaub und gesetzlicher Jobgarantie Müttern die Rückkehr in den Beruf zu erleichtern – ein Irrweg?

Die bestehenden Leistungen müssen überprüft werden. Bisher führt unsere großzügige Familienförderung mit 150 Mrd. Euro weder zu mehr Geburten noch zu einer vernünftigen Integration der Eltern in den Arbeitsmarkt. Hier müssen wir umsteuern. Die Einführung eines einjährigen Elterngeldes ist eine interessante Idee. Die Jobgarantie von drei Jahren geht allerdings an der betrieblichen Realität vorbei. Ich meine, wir müssen über eine Verkürzung der Elternzeit und eine Konzentration der Transferleistungen diskutieren, um junge Eltern schnell wieder ins Arbeitsleben zu integrieren und die Motivation für mehr Kinder zu erhöhen.

Die Fragen stellte Peter Thelen.

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