Familienpolitik
Forscher warnen vor der Herdprämie

Die Einführung eines Betreuungsgeldes würde berufstätige Mütter nach einer Studie kaum locken, für die Kindererziehung ihren Job aufzugeben. Eine aktuelle Studie sieht stattdessen "reine Mitnahmeeffekte" durch die von Schwarz-Gelb geplante Prämie von 150 Euro im Monat.
  • 5

DÜSSELDORF/BERLIN. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat der von der Regierung geplanten Herdprämie ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. „Das Betreuungsgeld gefährdet die frühe institutionelle Förderung für Kinder aus bildungsfernen Familien“, heißt es in einer neuen ZEW-Studie im Auftrag des Bundesfinanzministeriums. Es löse kaum Verhaltensänderungen aus, sondern erzeuge vor allem Mitnahmeeffekte. Sollte der Staat die Erziehung von Ein- bis Dreijährigen zu Hause mit 150 Euro monatlich fördern wollen, würde dies die öffentlichen Haushalte bis zu 1,9 Mrd. Euro pro Jahr kosten.

Schwarz-Gelb hatte sich auf die Einführung eines Betreuungsgeldes verständigt. Der Vorstoß geht auf die CSU zurück, die so die Kita-Pläne der ehemaligen Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) konterte. Von der Leyen hatte durchgesetzt, dass der Staat bis 2013 für jedes dritte Kleinkind einen Krippenplatz anbieten muss. Die Bayern argumentieren, auch die Erziehungsleistung von Familien, die ihre Kinder nicht in Kitas schicken, solle honoriert werden.

Die CSU bleibt trotz der Studie bei ihrem Kurs. „Wer wie das ZEW von Mitnahmeeffekten und Lenkungswirkung in der Familienpolitik redet, hat die völlig verfehlte Uraltdenke, dass der Staat den jungen Familien ihre Kindererziehung vorschreiben soll“, sagte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt dem Handelsblatt.

Offen blieb im Koalitionsvertrag jedoch, ob die Leistung in bar oder in Form von Gutscheinen, etwa für Musikschulen gezahlt werden soll. Darüber ist in der Regierung schon jetzt heftiger Streit ausgebrochen, obwohl das Betreuungsgeld erst 2013 kommen soll. Die CSU erwägt sogar, einen eigenen Gesetzesentwurf für die Einführung des Betreuungsgeldes einzubringen, sollte die von der Regierung anvisierte Zahl neuer Kitaplätze bereits vor 2013 erreicht werden.

Kritiker der Barleistung warnen davor, dass das Geld häufig nicht den Kindern zu Gute käme, sondern von den Eltern zur Aufbesserung der Haushaltskasse verwendet würde. Befürworter einer Barzahlung verweisen dagegen auf die Dispositionsfreiheit mündiger Bürger, die selbst entscheiden könnten, was das Beste für ihre Kinder sei. Selbst die CSU lässt inzwischen aber erkennen, dass es Ausnahmefälle geben könnte, in denen eine Barzahlung nicht angebracht sei. Dies gelte etwa für Familien, die bei den Jugendämtern auffällig geworden seien, sagte CSU-Chef Horst Seehofer kürzlich dem Handelsblatt.

Seite 1:

Forscher warnen vor der Herdprämie

Seite 2:

Kommentare zu " Familienpolitik: Forscher warnen vor der Herdprämie"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wissenschaftler sollen nicht beweisen, dass Ansichten richtig sind, sondern müssen wertneutral einen Sachverhalt klären. Das Kindeswohl spricht für eine betreuung durch geliebte bezugspersonen, die eine Krippe nicht für alle Kinder sein kann. ´(Gehirnforschungsergebnis). Vernachlässigte Kinder, Migrantenkinder, Kinder von Alleinerziehenden werden in Krippen vermutlich besser betreut als zuhause. Die Mehrzahl der Mütter bleiben bei ihren Kindern in den ersten 3 entscheidenden Jahren. Die derzeit emotional vorgetragenen Argumente sind für eine Teilmenge von Familien richtig, aber bestimmt nicht für die vielzahl von Müttern und Familie, die ihren Kindern in dieser Zeit sehr nah sein wollen.

  • „„Das betreuungsgeld gefährdet die frühe institutionelle Förderung für Kinder aus bildungsfernen Familien““

    Das ist ein Punkt, für dessen Erkenntnis man keiner Studie. Es hätte ein Telefongespräch mit Heinz buschkowsky (bgm. berlin-Neukölln) genügt, der diese Frage vor einigen Tagen so auf den Punkt gebracht hat, siehe hier: http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/heinz-buschkowsky-unterschicht-versaeuft-das-betreuungsgeld;2474746;0
    Wenn jemand als politischer Funktionsträger, ein in den Augen seiner „Parteifreunde“ auch noch sehr unbequemer, weil sehr direkt, hierzu qualifiziert etwas sagen kann, dann der. Das schöne an seinen Aussagen und beurteilungen ist, er meint das, was er sagt.
    Die Prämie ist Schwachsinn und wird in den Schichten, für die sie gedacht ist, genau das Gegenteil erreichen. Ein Zubrot zum täglichen Leben, für die bildung der Kinder, Theater, bücher, etc., wird sich nichts ändern.

  • Das betreuungsgeld heißt so, weil es für diejenigen bestimmt ist, die Kinder betreuen, nicht für die Kinder selbst. Die Erzieher/innen in der Kita bekommen ihren Lohn von der Kommune, die Mütter bisher von niemandem. Um von Wahlfreiheit reden zu können, müssten Vollzeiteltern nach demselben Tarif bezahlt werden. Nein, die betreuung durch die Mama ist nicht schlechter. im Gegenteil, sie ist viel persönlicher, weil zärtlich, aufmunternd, hingebungsvoll, geduldig, intim, zugewandt, liebevoll..... Sicher nicht in allen Elternhäusern, aber in den meisten. ich bin auch gegen ein betreuungsgeld von lächerlichen 150 Euro. Erziehungsarbeit zuhause gehört ebenso honoroiert wie Fremdbetreuung.

    Warum eigentlich "Herdprämie"? Man könnte genauso Kuschelprämie, Esstischprämie, Präsenzprämie sagen. Was ist daran so verwerflich, dass Mama sich darum kümmert, dass die Kinder zuhause gesund ernährt und umsorgt werden? Spricht aus der Vokabel nicht der blanke Neid Zu-kurz-Gekommener?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%