Familienreport
Von der Leyen prophezeit weiter hohe Geburtenrate

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist zuversichtlich, dass die Wirtschaftskrise die neue Lust der Deutschen an Kindern nicht schmälern werde – zumindest, solange der Ausbau der Kinderbetreuung wie geplant weiterläuft.

BERLIN. „Wie wir aus der Krise herauskommen, hängt entscheidend davon ab, ob wir genügend Fachkräfte haben“, sagte von der Leyen bei der Vorstellung des Familienreports 2009 ihres Ministeriums. Das gelinge aber nur, wenn qualifizierte Eltern Beruf und Familie vereinbaren könnten.

2007 und 2008 wurden erstmals seit vielen Jahren wieder mehr Kinder geboren. Das lag vor allem daran, dass mehr Frauen zwischen 30 und 40 Jahren Kinder bekamen. 2008 sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 690 000 Kinder geboren. 2007 waren es knapp 685 000 Geburten – damals bereits ein Plus von 12 000 Kindern.

Von der Leyen zeigte sich überzeugt, dass die Krise den neuen Trend nicht kippt. Der Familienforscher Hans Bertram von der Berliner Humboldt-Universität bestärkte sie darin. Er sagte, dass hohe Arbeitslosigkeit an sich nicht dämpfend auf die Geburtenrate wirken müsse. So sei etwa in Ostdeutschland die Zahl der Geburten nach dem Wende-Schock ab 1996 trotz sehr hoher Arbeitslosigkeit wieder gestiegen. Dies führt der Familiensoziologe vor allem darauf zurück, dass die neuen Länder – anders als andere osteuropäische Staaten und trotz gegenteiliger Ratschläge aus dem Westen – hartnäckig an ihrer üppigen Ausstattung mit Kindergärten und Krippen festgehalten hatten.

Ein weiteres Argument für die relative Unabhängigkeit von Konjunktur und Kinderzahl sei die Entwicklung der Geburtenrate vor dem jüngsten Umschwung: Trotz diverser Auf- und Abschwünge sei die Geburtenrate über Jahrzehnte kontinuierlich gesunken.

Familienforscher Bertram räumt gleichwohl ein, dass zwei Jahre viel zu kurz seien, um von einem stabilen Trend sprechen zu können. Schließlich habe Deutschland gerade erst angefangen, eine Entwicklung nachzuholen, die vor allem Skandinavier und Franzosen schon vor 20 bis 30 Jahren angestoßen hätten.

Die Geburtenrate pro Frau lag in Deutschland zuletzt 2007 bei einem Wert von 1,37 – das war gegenüber 2004 immerhin ein kleiner Anstieg. Damals waren es noch 1,33. Wenn der Ausbau der Infrastruktur wie geplant weiter laufe, „könnte die Rate auch in Deutschland um 0,2 Kinder höher sein“, sagte Bertram. Als ideal gilt Demografen eine Geburtenrate von rund zwei Kindern pro Frau – ein Wert, den etwa Frankreich fast erreicht hat. In Deutschland fehlen dafür wegen der jahrzehntelangen Versäumnisse in der Familienpolitik jedoch bis auf weiteres „schon die Mütter, die diese Kinder bekommen könnten“, sagte Bertram. „Bei entsprechender Zuwanderung reichen aber auch 1,6 bis 1,7 Kinder pro Frau“, tröstete er.

Von der Leyen verwies auf die stabilisierende Wirkung der Familienleistungen. Der Bund hat zuletzt Kindergeld und -zuschlag erhöht, Milliarden für die Kinderbetreuung bereit gestellt und ein einkommensabhängiges Elterngeld eingeführt. Bis 2013 soll jedes dritte Kind unter drei Jahren einen Krippenplatz erhalten. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft habe ergeben, dass nachhaltige Familienpolitik das Wachstum um einen halben Prozentpunkt jährlich anheben kann. Nach einer Zusammenstellung des „Kompetenzzentrums“, einer Expertengruppe, die das Familienministerium berät, summieren sich die fiskalischen Vorteile einer solchen Familienpolitik auf bis zu 8,5 Mrd. Euro Zusatzeinnahmen aus der Einkommensteuer und 16 Mrd. Euro bei der Sozialversicherung.

Während Politiker der großen Koalition die Familienpolitik lobten, kritisierten die Grünen, dass nach wie vor 2,4 Millionen Kinder und Jugendliche von Armut betroffen sind und 40 Prozent der alleinerziehenden Eltern von Hartz IV lebten. Die FDP fordert, dass Kinderbetreuungskosten vollständig von der Steuer abgesetzt werden können.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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