FDP
Westerwelle: Vom Spaß-Guido zu Guido Genscher

FDP-Chef Westerwelle will Außenminister werden. Am heutigen Montag liefert er in Berlin seine "Bewerbungsrede" ab. Wie der einstige Spaß-Guido den Rollenwechsel plant.



BERLIN. Ein kleiner Ort im Süden der USA. Im Gemeindehaus ist die örtliche Politikprominenz versammelt, Lokalpolitiker und der Sheriff. Alle warten auf den liberalen Parteiführer aus Germany. Guido Westerwelle liebt solche Momente: Mit stolz geschwellter Brust stellt er sich als Vorsitzender der FDP vor. "From Germany", schiebt er im betont amerikanischem Slang hinterher. Der Sheriff klopft ihm jovial auf die Schulter und sagt kumpelhaft: "Well, ein deutscher Liberaler. Ich wollte schon immer mal einen richtigen Kommunisten kennenlernen."

Die kleine Episode der deutsch-amerikanischen (Miss-)Verständigung liegt zwar Jahre zurück, aber sie ist noch immer eine der Lieblingsgeschichten des FDP-Chefs. Und momentan wird der Liberale sie wohl noch häufiger als sonst erzählen. Denn dort, wo er hinwill, gehören Anekdoten mit internationalem Touch einfach dazu. Der nächste deutsche Außenminister zu werden, daran arbeitet der 47-Jährige seit geraumer Zeit beharrlich. Unlängst ließ er sich schon mal vorsorglich als Weltenlenker ablichten. Der Globus beleuchtet, seine Hand ruht auf den USA, er selbst steht im Halbdunkel. Und damit auch der Letzte seine Ambitionen versteht, gab er dem Magazin "Der Spiegel" am Wochenende ein Interview, um ein wichtiges Thema zu platzieren: Kurskorrekturen in der Außenpolitik.

Heute Abend nun steht Westerwelles offizielle "Bewerbungsrede" für seinen Traumjob an - in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Westerwelle will dort die Grundzüge seiner "liberalen Außenpolitik" erklären. Der Termin ist alles andere als Zufall: Noch rechtzeitig vor Beginn des offiziellen Wahlkampfs will er hier die Weihen des Außenpolitik-Establishments empfangen. Mit diesem Abend sollen dann auch die Zeiten des künstlich wirkenden Yuppie-Guidos endgültig vorbei sein, der mal im Spaßmobil durch die Lande fuhr, mal im Big-Brother-Container das Biersaufen vor laufenden Kameras spielte oder in Talksendungen mit der Zahl 18 (Prozent) unter dem Schuh provozierte. Ab heute soll es nur noch den seriösen, weltgewandten Herrn Westerwelle geben, "Guido Genscher", gereift für die Spitzenklasse der formellen Politik.

Ein Mann arbeitet am Rollenwechsel: "Ich kalkuliere keine Rolle mehr", hat Westerwelle einmal gesagt, in einem Interview 2003.

"Yes, I can", ruft Westerwelle nun seit Dezember 2008. "Ich traue mir den Posten zu", diktierte er Journalisten in die Blöcke. Der außenpolitische Übervater Hans-Dietrich Genscher erteilte ihm in einer Talkshow daraufhin sogar den Ritterschlag: "Westerwelle", sagte Genscher, "der kann das." Die Erleichterung war groß bei dem Mann, der wie kaum ein anderer Politiker in den letzten Jahren Spott und Häme über sich ergehen lassen musste. Und wie so oft wirkten seine anschließenden Worte ein wenig übertrieben: "Ich bin gerührt."

Das offizielle Gesicht Deutschlands in der Welt zu sein, ständig gute Sympathiewerte in den Umfragen einzufahren - das wäre der ultimative Triumph für den ehemaligen Realschüler, der sich zum Rechtsanwalt und informellen Oppositionsführer hochgearbeitet hat. Oft hat er sich geärgert, nicht ernst genommen zu werden. Das hat ihn geprägt, misstrauisch und kontrolliert werden lassen. Wohl deshalb hat er sich den leicht belehrenden Ton antrainiert, um sich im politischen Schlagabtausch behaupten zu können. Und so ist Westerwelles Auftritt heute Abend auch alles andere als ein "Routine"-Auftritt, wie die FDP-Spitze zu suggerieren versucht. Ein Blick auf die übervolle Anmeldungsliste besagt das Gegenteil. Das altehrwürdige DGAP-Gebäude droht aus allen Nähten zu platzen. Die Veranstalter haben zusätzliche Monitore organisiert, um die Rede aus dem "Robert-Bosch-Saal" in andere Teile des Gebäudes zu übertragen. Der TV-Sender Phoenix will live übertragen.

Seite 1:

Westerwelle: Vom Spaß-Guido zu Guido Genscher

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%