Fehler der Krise
Wenn die Marktwirtschaft zur Bedrohung wird

Wer Fehler macht, soll auch die Folgen spüren. Das ist das Gesetz der Marktwirtschaft. Doch nach der Krise wurden die Sünder nicht bestraft, sondern belohnt. Das bedroht jetzt das moralische Fundament des Kapitalismus.
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HamburgWer die Mühe auf sich nimmt, in diesen Tagen Internetforen zur Wirtschaftskrise zu durchforsten, wird eine interessante Entdeckung machen: Für den größten Unmut sorgen nicht die schier unglaublichen Beträge, die in den Markt gepumpt oder in diversen Rettungsfonds bereitgestellt werden – für Empörung sorgt vor allem, wer sie erhält: die Banker, die lange abgesahnt haben und jetzt in die Pleite rutschen. Die Staaten, die über ihre Verhältnisse gelebt haben und jetzt nicht mehr an frisches Geld kommen. Die Hausbesitzer, die zu viele Kredite aufgenommen haben und jetzt ihre Schulden nicht mehr bedienen können.

Fehlverhalten wird belohnt statt sanktioniert – das ist seit fünf Jahren die Grunderfahrung der westlichen Gesellschaften. Die um sich greifende Rettungsmüdigkeit erschließt sich nur, wenn nicht nur die monetäre, sondern auch diese moralische Dimension der Krise in den Blick genommen wird.

Man kann sich ihr mit einem Konzept aus der Psychologie nähern: dem Phänomen der kognitiven Dissonanz. Es bezeichnet den Widerspruch zwischen der Vorstellung, die wir uns von der Welt machen, und dem tatsächlichen Lauf der Dinge. So wie in der Fabel von dem hungrigen Fuchs und den Reben, die an einer Mauer emporwachsen. Der Fuchs springt immer wieder hoch und schnappt nach den Trauben, bekommt sie aber nicht zu fassen, und dieses Scheitern passt nicht zum Selbstbild des Tieres, das gewohnt ist, zu bekommen, was es will. Nicht viel anders als dem Fuchs ergeht es den Menschen in den Industrienationen.

Kern aller westlich-individualistischen Gerechtigkeitsvorstellungen ist das tief im abendländischen Denken verankerte Prinzip der Eigenverantwortung: Jeder ist für die Folgen seiner Handlungen verantwortlich. Die Zusammengehörigkeit von Risiko und Haftung ist das Fundament des Kapitalismus. Erst dadurch wird der Markt in die Lage versetzt, individuelles Gewinnstreben in Gemeinwohl zu transformieren. »Investitionen werden umso sorgfältiger gemacht, je mehr der Verantwortliche für diese Investitionen haftet. Nur bei fehlender Haftung kommt es zu Exzessen und Zügellosigkeit«, schrieb der Freiburger Ökonom Walter Eucken, einer der Vordenker der sozialen Marktwirtschaft in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Und noch heute würden das die meisten Volkswirte so formulieren.

Jeder ist für die Folgen seines Handelns verantwortlich – das diszipliniert aber nicht nur, es motiviert auch. Wenn ich weiß, dass sich mein Einsatz auszahlt, strenge ich mich an. Das Prinzip der Eigenverantwortung ist also Zuckerbrot und Peitsche einer freien Wirtschaftsordnung. Die uneingeschränkte Solidarität aller mit allen hingegen würde die Anreizsysteme des Kapitalismus zerstören – und damit diesen selbst.

Kommentare zu " Fehler der Krise: Wenn die Marktwirtschaft zur Bedrohung wird"

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  • Das Handwerk legen müssen wir aber der Politk. Denn die hat diese Dreckspielchen zugelassen, anstatt Regeln zu schaffen
    Begonnen hat das Mitte der 80iger Jahre und bei der Einheit brach die Gier dann vollends aus
    Und Merkel unterstützt die Gier doch noch. Sie gibt Subventionen ohne Ende an Großbetriebe.
    Wir haben längst eine gelenkte Wirtschaft mit Steuergeld finanziert
    Ludwig Erhard würde sich im Grab rumdrehen, wenn er diesen Dreckhaufen heute erleben würde.

  • Dem schließe ich mich an - ein guter Artikel.

    Allerdings habe ich erhebliche Zweifel, ob der Widerspruch (wie Mark Schieritz es formuliert) überhaupt ein Widerspruch ist. Es sind die zwei Gesichter des Menschen, sein gut und böse Sein zugleich. Unser aller Leben ist eine Gratwanderung zwischen gut und böse; mal weichen wir nach links, mal nach rechts vom engen Pfad ab.

    Auch unser Wirtschaften als ein wichtiger Teil unseres Lebens wird davon bestimmt. Daher trägt auch jedes beliebige Wirtschaftssystem unweigerlich diese beiden Gesichter, weil wir es in das System zwangsläufig implementieren.

  • Gottseidank kommen die von der EZB kürzlich ausgegebenen 489 Mrd. nicht aus dem Nichts. Und gottseidank wird dadurch auch niemals ein Steuerzahler belastet werden. Immer schön das Schneeballsystem am Laufen halten. Vielleicht könnte man ja einmal die Geldschöpfungsfähigkeit der Banken etwas begrenzen, indem man den Mindestreservesatz von jetzt 2% gaaanz langsam in Richtung 50% verschiebt?

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