Fernseh-Sommerinterviews
„Riesenschande“ ist Gabriel wichtiger als die K-Frage

In ihren Sommerinterviews zeigte sich Horst Seehofer streitlustig und Sigmar Gabriel staatsmännisch gegenüber den „K-Frage“-versessenen Journalisten. Einig waren sich die beiden in ihrer Kritik am Berliner Journalismus.
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BerlinSommerinterviews satt gab es noch mal an diesem Sonntag. Zunächst wurde Sigmar Gabriel auf der Terrasse eines Bundestagsgebäudes über der Spree für die ARD befragt. Der SPD-Vorsitzende und Bundeswirtschaftsminister wollte nicht nur einmal aufs Thema Flüchtlinge zu sprechen kommen. Doch die Interviewer Tina Hassel und Rainald Becker wollten beharrlich erst mal ausgiebig die „heiß diskutierte K-Frage bei den Sozialdemokraten“ bereden, Gabriels „bleierne“ Umfragewerte und den schon lange überall durchkauten Vorschlag des Kieler Ministerpräsidenten Torsten Albig, die SPD solle bei der nächsten Wahl gegen Merkel auf einen eigenen Kandidaten zu verzichten.

Hassel fragte Gabriel sogar, ob er „hier und jetzt sagen“ wollen, dass er selber Kanzlerkandidat für 2017 werden will. Überraschung - das wollte Gabriel nicht. Geduldig gab er zurück, dass die SPD diese Entscheidung „in etwas mehr als einem Jahr“ treffen sollte. Dann hatte er sogar ein paar Thesen für die schlechten Bundestagswahlergebnisse seiner Partei parat, etwa die eines „Zusammenhangs zwischen Armut und Nichtwähler-Verhalten“ insbesondere in der SPD-nahen Wählerschaft.

Nach dem so obligatorischen wie überflüssigen Einspielfilmchen, das launig-flapsig noch einmal alles zusammenzufassen versuchte, was politikinteressierte Zuschauer ohnehin wissen, beschwerte Gabriel sich dann über „den Berliner Journalismus“, der Dinge in die Welt setze, die nicht stimmen. Zum Einen habe die SPD beim Thema Vorratsdatenspeicherung gar nicht ihre Meinung geändert, sondern die von 2011 beibehalten, zum Anderen habe er nicht bei einer Pegida-Veranstaltung diskutiert, sondern bei einer der Landeszentrale für politische Bildung. Zumindest über die Vorratsdatenspeicherungs-Frage hätte sich diskutieren lassen - doch zum Auseinanderdröseln schwierigerer Themen sind 20-minütige Sommerinterviews nicht gedacht.

Bezeichnend, wie die Interviewer auf Gabriels Kritik reagierten: überhaupt nicht. Offenbar haben andere Redakteure das Filmchen verantwortet. Hassel und Becker war die Kritik einfach gleichgültig.

Immerhin ging es anschließend um wichtigere Themen als den SPD-Kanzlerkandidaten 2017. Gabriel sprach staatsmännisch über die Flüchtlingsfrage als „größte Herausforderung seit der Wiedervereinigung“. Er lobte die “unfassbar große Hilfsbereitschaft“ der Deutschen und variierte seine Formulierung, dass die Haltung einer “Mehrzahl der EU-Mitgliedsstaaten“ zu den Flüchtlingen von anderen Kontinenten eine „Riesenschande“ darstelle. Da handele es sich wohl um ein Missverständnis der EU, die aber „keine Zugewinn-, sondern eine Wertegemeinschaft“ sei.

Seiner eigenen Anregung, auf die Flüchtlingsfrage nicht parteipolitisch zu reagieren, folgte Gabriel und machte den gelassen staatsmännischen Eindruck, den er sich vorgenommen hatte.

Fazit I: Gegen Ende der parlamentarischen Sommerpause, die im heißen Sommer 2015 wegen der an vielen Ecken brisanten Lage kaum aufgefallen ist, zeigte der SPD-Vorsitzende sich in erheblich besserer Form als die ARD-Hauptstadtreporter.

Auch an einem Fluss, aber etwa 500 Kilometer südlich im, wie Interviewer Thomas Walde es nannte, „herrlich unaufgeregten“ Altmühltal ging das Seehofer-Interview so los, wie Gabriel an der Spree es sich gewünscht hätte.

Walde konfrontierte den bayerischen Ministerpräsidenten mit “markanten Sprüchen“ von ihm und anderen CSU-Politikern, etwa dem vom “Sozialamt für die ganze Welt“, das Deutschland nicht sein könne.

Seehofer reagierte wie Gabriel auf den Einspieler reagiert hatte: mit grundsätzlicher Kritik am Journalismus, „den ich nicht für qualitätsorientiert halte“. Der greife immer einzelne Sätze heraus und stelle Themen „ausschnittartig“ dar, statt zu differenzieren.

Walde nahm das so nicht hin. Das in der Sache scharfe, in der Form freundliche Gegeneinander der beiden führte zu ein paar aufschlussreichen Momenten. So sprach Seehofer sich gegen Besuche von Spitzenpolitikern in Flüchtlingsheimen vor Kameras aus, um nicht „Öffentlichkeitsarbeit auf dem Rücken der Flüchtlinge“ zu machen. Ob er selbst aber tatsächlich ohne Kameras eines besucht hatte, wollte er nicht ausdrücklich sagen.

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Seehofer: Flüchtlingsströme sind Völkerwanderungen

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  • Was hat denn bitte das "Sommerinterview" und GEZ-Fernsehen mit Journalismus zu tun? Die Propaganda bei Nazis, SED, Putin und heute in Deutschland haben alle das selbe Muster, da sie die selbe Funktion haben: den Politikern Steilvorlagen zu liefern, dass sie ihre aufopferungsvolle und harte Arbeit für das Volk ins rechte Licht stellen können. In diesem Licht wird auch klar warum der Regierungssprecher vom Morgenmagazin kommt - er kann die Regierung eben am besten und im besten Licht darstellen.

    Parlamentarismus und Presse/Journalismus sind als gewaltenkontrollierende Instanzen nicht mehr existent. Hier haben die Parteien ganze Arbeit bei der Eliminierung missliebiger Meinungsträger geleistet. Deswegen wundert man sich auch immer öfters über den Unterschied wie die Dinge sind und wie sie in den Medien und auf der politischen Ebene dargestellt werden. Flächendeckende Propaganda ist das Kennzeichen einer nichtdemokratischen Machtergreifung und Machtausübung.

  • Peter Langenhagen
    Bestens gesagt.
    Deutsche sind hier nur noch Bürger 2. Klasse und die schlimmste Partei sind die Grünen.
    Ein solcher Deutschass das ist nicht begreifba

  • Ich hae gestern das Interview mit Seehofer gesehe4n.
    Der Jlurnalist was eine absolute Katastrophe.
    Was bzwecken unsre Medien mit olchen Dingen?

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