Fernsehkritik Anne Will
Eine Talkshow, so vage wie der Außenminister

Wären schon internationale Bomben auf Syrien gefallen, hätte die ARD gestern eine spektakuläre Talkshow im Programm gehabt. Weil noch keine fielen, musste vieles in Anne Wills Studio unkonkret bleiben.
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„Syrien vor dem Angriff - bringen diese Bomben den Frieden?“ – unter dem Titel war bereits seit Dienstag die Anne-Will-Show angekündigt. Und wenn mit dem Abwurf „dieser Bomben“ auf syrische Regierungstruppen am selben Mittwoch begonnen worden wäre - es hätte eine denkwürdige Talkshow im Rahmen eines differenzierten Syrien-Themenabends werden können. Da es noch nicht dazu kam, wirkte das ARD-Programm im Gegenteil etwas redundant. Erst befassten sich die „Tagesthemen“ für gut die Hälfte ihrer Dauer mit Syrien, im Anschluss die halbstündige, „Brennpunkt“-artige Sondersendung „Syrien vor dem Angriff“ mit weiteren Korrespondenten-Berichten und Studiogästen, dann folgte die Will-Show. Aber wer möchte der ARD vorwerfen, wenn sie sich um Aktualität bemüht?

Eine grundsätzliche Crux der Talkshow über eventuelle Syrien-Angriffe: Während die vorhergehende Sendung darauf hingewiesen hatte, dass die Frage, ob die Giftgas-Angriffe in Syrien nachweislich Baschar al-Assads Regime zugeschrieben werden können, auch von den angriffswilligen Alliierten zumindest noch nicht öffentlich geklärt worden ist, ging es in Wills Studio darum kaum. Julian Reichelt, Chefreporter der „Bild“-Zeitung und einziger Studiogast, der Syrien kürzlich bereist hat, brachte das Argument aufs Tapet, „wenn man sich ein bisschen mit chemischen Waffen auskennt“, wisse man, dass solche Angriffe „eines professionellen Einsatzes“ bedürften, um zu so hohen Opferzahlen zu führen. „Das schafft keine Terrororganisation“.

Sahra Wagenknecht, stellvertretende Vorsitzende der Linken, wollte noch den Bericht der Uno-Inspektoren abwarten. Doch ausführlicher ging es um diese wichtige Frage nicht mehr. Fortan gab die Formulierung „das Assad-Regime, vorausgesetzt es war es wirklich, wovon ich ausgehe“ des ehemaligen Generalinspekteurs der Bundeswehr, Harald Kujat sozusagen die Hypothese vor.

Immerhin war mit Sir Peter Torry, bis 2007 britischer Botschafter in Berlin, ein Vertreter eines der Staaten anwesend, die den Angriff auf Syrien ausführen würden. Über Formulierungen wie „Ich gehe davon aus, dass wir militärische Ziele angreifen, wenn es dazu kommt“, ging er als ehemaliger Diplomat freilich nicht hinaus. Insofern musste in der Diskussion über das, „was jetzt vielleicht oder, wie viele sagen, ganz wahrscheinlich bevorsteht“ (Will), vieles vage bleiben.

Einzige entschiedene Gegnerin eines Angriffs war Wagenknecht, die dafür mit gewohnter Verve auftrat. „Ein Militärschlag ist auch Mord“, man solle „aufhören auf die Kriegslogik zu setzen“, sagte sie - vor dem Hintergrund anderer laufender Kriege im Nahen und Mittleren Osten keine schlechten Argumente. Der Hinweis, dass die Verhandlungen, die sie empfahl, in Syrien schon seit Jahren zu keinen Ergebnissen führen, brachte Wagenknecht so wenig aus der Argumentation, wie die anderen von ihren Positionen abrückten.

Torry und Kujat zeigten sich recht unisono als militärische Pragmatiker. Der Brite hielt „eine kurze Strafaktion“ für sinnvoll, und „die Depots anzugreifen, wo die Waffen gelagert sind“. „Ich persönlich würde den Akzent noch stärker auf den Abschreckungsfaktor setzen“, entgegnete Kujat und hielt aus militärischer Sicht das Bombardieren von Chemiewaffen-Depots für nicht unbedingt sinnvoll.

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„Unsere schärfste Waffe, die wir einbringen können“

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  • Mich hat dieser junge Reporter der Bildzeitung erschreckt. Der war ja derart für Krieg, dass einem Angst und bange werden konnte.
    Ma merkt, dass diese junge Generation weder Krieg noch schlechte Zeiten erlebt hat
    Sehr überzeugend war Frau Wagenknecht.
    Von Kujat habe ich nichts anderes erwartet

  • Zitat : Julian Reichelt, Chefreporter der „Bild“-Zeitung und einziger Studiogast, der Syrien kürzlich bereist hat, brachte das Argument aufs Tapet, „wenn man sich ein bisschen mit chemischen Waffen auskennt“, wisse man, dass solche Angriffe „eines professionellen Einsatzes“ bedürften, um zu so hohen Opferzahlen zu führen. „Das schafft keine Terrororganisation“.

    - das war ein typisches Statement eines BILD-Reporters. Er würde sich mict chemischen Waffen auskennen...lachhaft ! In Syrien operieren Geheimdienste...und diese kennen sich mit allem aus. Und einen Umgang mit chemischen Waffen ist genau so einfach , wie mit konventionellen...abfeuern, fertig ! Die Schwierigkeit lieg ganz und alleine in der Bestückung der Gas-Kapsel mit der Granate ! Und diese Bestückung muß nicht unbedingt in Syrien erfolgen. Die kann man auch importieren....aus Israel, Iran, Russland, USA, etc. !

    Aber EIN vernünftiges Argument hat dieser BILD-Experte trotz seiner Kriegspolemik geäussert :
    bei einem kurzen, chirurgischen Militärschlag wird es nicht bleiben. Wer A sagt, muß auch B sagen, vor allem wenn auf A eine Antwort erfolgt ! Das heisst mit anderen Worten, die Kriegsfalken BLENDEN uns mit der Ansage eines begrenzten Militärschlages, der NICHTS bringen würde, als eine kurzfristige Showeinlage !
    Die KRIRGSFALKEN wollen den KRIEG ! Und Deutschland hat über die Stimme bei der NATO sein Einverständnis dazu gegeben ( laut Kujat ).

    Abwahl der Kriegsnomenklatura im September ! Der Krieg muß gestoppt werden !

    ALTERNATIV wählen !

  • @manipula

    Die Antwort darauf gibt diese uralte Fabel (das Verfahren ist altbekannt):

    https://en.wikipedia.org/wiki/The_Wolf_and_the_Lamb
    A wolf comes upon a lamb and, in order to justify taking its life, accuses it of various misdemeanours, all of which the lamb proves to be impossible. Losing patience, it says the offences must have been committed by someone else in the family and that it does not propose to delay its meal by enquiring any further about the matter. The morals drawn are that the tyrant can always find an excuse for his tyranny and that the unjust will not listen to the reasoning of the innocent

    Nicht daß Assad ein unschuldiges Lamm wäre, aber die USA (und die Saudis) sind definitiv der Wolf, der nur den ANSCHEIN einer Rechtmäßigkeit wahren will, aber am Ende - wenn seine Scheinheiligkeit zu nichts führt - die Geduld verliert und ...

    .... womöglich den 3.Weltkrieg auslöst. Das Lamm hat nämlich einen anderen Wolf als Schutzpatron, und der hat ebenfalls ein ordentliches Arsenal an Atombomben und Interkontinental-Raketen.

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