Finanzberatung Aigner will neue Beraterwelt

Als Lehre aus der Finanzmarktkrise plant Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) eine umfangreiche Reform der Anlageberatung bei Banken, Versicherungen und unabhängigen Finanzdienstleistungen. Das Verbraucherschutzministerin erwägt dabei eine Trennung von Produktvertrieb und Beratung.
Will die Welt der Finanzberatung kräftig umkrempeln: Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU). Quelle: ap

Will die Welt der Finanzberatung kräftig umkrempeln: Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU).

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BERLIN/FRANKFURT. Wie das Handelsblatt erfuhr, hat ein von Aigner eingesetztes Wissenschaftlergremium dazu erste Vorschläge erarbeitet. Diese sollen in dieser Woche in vertraulicher Runde sowie noch im Juli auf einem Kongress mit Vertretern der betroffenen Branchen und Verbraucherschützern diskutiert werden.

Dem Handelsblatt sagte Aigner: "Wir überlegen in der Tat, ob sich jemand Berater nennen darf, wenn er gleichzeitig auch dem Vertrieb seiner Organisation dient." Es gehe darum, Begrifflichkeiten zu klären. "Wichtig für den Verbraucher ist Transparenz", fügte Aigner hinzu. "Ein unabhängiger Finanzberater darf nicht am Produktvertrieb mitverdienen."

Dabei geht es laut Regierungskreisen nicht darum, die Beratung auf Provisionsbasis abzuschaffen - wie dies etwa die Finanzaufsicht FSA in Großbritannien erwägt. Denn vor allem bei finanziell schwächeren Menschen gebe es wenig Bereitschaft, ein Honorar für reine Beratung zu zahlen. Vielmehr sollten Beratung und Vermittlung stärker differenziert werden, hieß es.

In der Bankenbranche wird das Thema Honorarberatung grundsätzlich eher kritisch betrachtet. Der Bundesverband deutscher Banken wollte sich gar nicht erst äußern. Beim Versicherungsverband GdV hieß es: "Wir sind offen für alle Vertriebswege." Die heutigen Vergütungssysteme stünden aber nicht im Widerspruch zu einer gleichzeitig guten Beratung. Michael Heinz, Präsident des Verbands der Versicherungskaufleute BVK, sagte: "Der Verbraucher ist nicht willens und oft nicht in der Lage, qualitative Beratung zu bezahlen und dann noch einen lange laufenden Vertrag für die private Altersvorsorge abzuschließen." Im Übrigen belege der geringe Anteil der Beschwerden von Versicherten die Qualität der Provisionsberatung.

Positiv reagieren hingegen Verbaucherschützer. "Es muss dorthin gehen, Beratung und Vermittlung zu trennen", sagt Niels Nauhauser, Leiter Finanzberatung bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Allerdings müssten Verbraucher aufgeklärt werden, dass es sich lohne, direkt für Beratung zu bezahlen. Die Zentrale bietet selbst Honorarberatungen an.

Bislang spielt Honorarberatung eine untergeordnete Rolle in den Beziehungen zwischen Finanzindustrie und Kunden. Nehme die Bedeutung dieser produktunabhängigen Beratung zu, werde dies Arbeitsplätze kosten, schätzt Verbraucherschützer Nauhauser. Ohne die meist hohen Provisionen würden Finanzprodukte und die Beratung billiger, auch Depots würden nicht mehr so oft umgeschichtet werden. "Der Kuchen für die Branche schrumpft", prognostiziert er.

Die Grünen begrüßten Aigners Vorstoß grundsätzlich, während die FDP Kritik übte: "Der Verbraucher interessiert sich nicht für die Bezeichnung seines Gegenüber", sagte der verbraucherpolitische Sprecher, Hans-Michael Goldmann. "Er will sich sicher sein, dass er seriös und vertrauensvoll beraten wird."

Aigners Experten denken über das "Berufsbild des unabhängigen Beraters" nach. Da es sich um eine nicht klar geregelte Berufsbezeichnung handele, seien Kriterien nötig, hieß es in Berlin. Dazu wäre allerdings eine Korrektur des Vermittlerrechts nötig, was erst nach der Bundestagswahl möglich ist.

Nach geltendem Recht braucht der Versicherungsvermittler eine Erlaubnis der örtlichen Industrie- und Handelskammer. Die Finanzaufsicht BaFin lässt hingegen Anlageberater zu. Dies sind an Finanzdienstleister gebundene Vermittler und unabhängige Berater.

Vergangene Woche hatten Union und SPD im Bundestag beschlossen, die Verjährungsfristen bei Falschberatungen von drei auf zehn Jahre zu verlängern und die Protokollpflichten für Berater zu verschärfen. Darüber hinaus wollen Union und SPD nach der Wahl die Qualifikationspflichten von Beratern erhöhen. Der Vorstoß Bayerns, die Beschlüsse im Vermittlungsausschuss nachzubessern, fand im Rechtsausschuss des Bundesrates keine Mehrheit.

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