Finanzkrise
Köhler: Krise verlangt ein Bretton Woods II

Bundespräsident Horst Köhler hat als Konsequenz aus der Finanzmarktkrise eine „grundlegende Erneuerung des Bankgewerbes“ gefordert. Beim Europäischen Bankenkongress in Frankfurt sagte er, die Finanzbranche sollte sich „schon aus Eigeninteresse selbst unangenehme Fragen“ stellen. Bankenpräsident Klaus-Peter Müller lobte die Rede Köhlers.

hgn/HB FRANKFURT. Bundespräsident Horst Köhler hat mit erneut deutlichen Worten Bankern ihr Versagen in der Finanzkrise vor Augen geführt und eine "grundlegende Erneuerung" der Branche gefordert. "Besinnen Sie sich wieder auf die Tugenden des soliden Bankiers - und ich sage bewusst Bankier und nicht Banker", sagte Köhler am Freitag in einer Grundsatzrede zu Finanzkrise in Frankfurt. "In den üblichen Lobbyismus zurückzufallen, um den eigenen Beitrag klein zu halten, ist keine angemessene Haltung."

Zu viele in der Finanzbranche hätten "die vielfältigen Warnungen in den Wind geschlagen und lieber mitgewettet, als gegen Fehlentwicklungen anzugehen", kritisierte Köhler vor führenden Vertretern der Branche wie den Chefs von Deutscher Bank (Josef Ackermann), Commerzbank (Martin Blessing) und Dresdner Bank (Herbert Walter). "Die Banken müssen sich bewusst machen: Zuallererst sind sie Treuhänder derer, die ihnen ihr Erspartes überantwortet haben." Nachdem sich die "ganze Branche offenbar so berauscht" habe an Renditen und darüber blind geworden sei für Risiken, seien nun Demut, Anstand und Bescheidenheit gefordert, betonte Köhler.

Bankenpräsident Klaus-Peter Müller lobte die Rede des Bundespräsidenten. "Ich fand sie sehr direkt, ernst, mahnend aber auch aufmunternd", sagte der Top-Manager. Der lange Beifall des vorwiegend aus Bankern bestehende Publikums zeige, dass Köhler mit seinen Äußerungen die richtigen Punkte getroffen habe. Müller, der lange Jahre Commerzbank-Chef war und nun als Vorsitzender des Aufsichtsrats fungiert, wies erneut auf die Fehler der Branche hin. "Es gibt Dinge, die wir objektiv falsch gemacht haben", sagte er. So sei das Risikomangement oft nicht ausreichend gewesen, die Institute hätten sich zu sehr auf abstrakte Modelle und Theorien verlassen. Auch habe man zu komplexe Produkte entwickelt, die einer zu breiten Schicht von Investoren verkauft worden seien.

Köhler habe die relevanten Fragen gestellt, sagte Commerzbank-Chef Blessing. "Ich glaube, wir haben die Botschaft klar gehört und gegen solide Tugenden kann niemand etwas haben. Das unterstütze ich voll." Es sei wichtig, dass sich die Branche mit den Ursachen der Krise. "Nur wenn man eine ehrliche Bestandsaufnahme macht, kann man zu Lösungen kommen." Blessing sagte, die Branche sei am Beginn eines Veränderungsprozesses. Das Vertrauen werde aber nur Schrittweise in die Märkte zurückkommen: "Ich glaube, dass wir über Zeit wieder etwas Ruhe in den Markt zurückbekommen werden." Die Branche gehe durch schwierige Zeiten. "Das wird auch noch eine Weile andauern." Eine schärfere Regulierung des Finanzsektors ist nach Einschätzung Blessings unumgänglich. Der Banker warnte aber vor überhasteten Maßnahmen.

Köhler war mit der Finanzwelt schon vor wenigen Monaten hart ins Gericht gegangen. Mit Blick auf die weltweite Krise der Finanzmärkte hatte der Bundespräsident im Mai gesagt, die Finanzmärkte hätten sich "zu einem Monster entwickelt, das in die Schranken gewiesen werden muss". Dies müsse auch jedem verantwortlich Denkenden in der Finanzwelt klar geworden sein.

"Besinnen Sie sich auch wieder auf Ihre Funktion als Dienstleister für Ihre Firmenkunden. Lassen Sie vor allem unsere Mittelständler nicht im Stich", mahnte Köhler jetzt die Banker. Die seit Sommer 2007 tobende Finanzkrise greift zunehmend auf andere Branchen über: Etwa Autohersteller und Chemiekonzerne spüren ihre Folgen. Der Staat habe mit dem eilends geschnürten 500-Milliarden-Euro-Rettungspaket für die Banken Handlungsfähigkeit bewiesen, sagte Köhler. "Ich erwarte, dass das Bankgewerbe dieses mutige Angebot der Politik jetzt seinerseits mit Mut und Bewusstsein für die Gesamtsituation begleitet und nutzt."

Insgesamt ist die Krise nach Ansicht Köhlers nur durch einen internationalen Kraftakt zu lösen. "Ich bleibe dabei: Die Dimension der Krise heute verlangt ein Bretton Woods II, eine Versammlung der Besten, die mit Sachverstand, Moral und politischem Willen systematisch an die Arbeit gehen." In dem amerikanischen Kleinort Bretton Woods war 1944 unter Führung der USA die Grundlage für die Weltwirtschaftsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt worden.

"Auf den internationalen Finanzmärkten muss die staatliche Ordnungsfunktion neu definiert und durchgesetzt werden", sagte der Bundespräsident. "Ich plädiere für die Schaffung einer internationalen Aufsichtsorganisation, und ich halte es für richtig, dem Internationalen Währungsfonds die Wächterfunktion über die Stabilität des globalen Finanzsystems zu übertragen." Damit er diese Aufgabe wirksam erfüllen könne, solle der IWF mehr Unabhängigkeit bekommen. Köhler war selbst von 2000 bis 2004 Direktor des IWF, dessen Gründung auch 1944 in Bretton Woods beschlossen worden war.

Köhler mahnte die Banker auch, die Schuld für die Krise nicht bei anderen zu suchen: Bei den Amerikanern, die vielfach auf Pump gelebt haben, bei der US-Notenbank Fed, die mit niedrigen Zinsen Geld künstlich billig hielt, bei den Rating-Agenturen, die Ramsch-Kredite mit Höchstnoten edelten. "Lassen Sie auch die Phase hinter sich, in der Sie mit dem Finger auf andere Leute zeigen", forderte Köhler.

In Frankfurt mahnte Köhler nun zu sozial verantwortlichem Handeln auch in einer Wettbewerbswirtschaft. "Wir brauchen bei aller Schärfe des Wettbewerbes eine Kultur der Gemeinsamkeit. Und wir brauchen schlicht Anstand. Besinnen Sie sich wieder auf die Tugenden des soliden Bankiers", redete er der Finanzbranche ins Gewissen.

Zugleich forderte Köhler dazu auf, die Kraft zu nutzen, die in der Krise stecke. "Es waren Menschen, die diese Krise angerichtet haben. Also können Menschen auch Lehren aus ihr ziehen und sie lösen", sagte er. In der gegenwärtigen Krise liege auch eine große Chance. Die Krise sei von den Industriestaaten ausgegangen. "Wir haben durch eigene Fehler erfahren, dass auch wir verwundbar sind. Es steht uns deshalb gut an, daraus mehr Bescheidenheit und Lernfähigkeit abzuleiten."

Köhler trat für die Schaffung eines neuen Ordnungsrahmens für die Weltwirtschaft ein, "in dem das Kapital allen zu Diensten ist und sich niemand von ihm beherrscht fühlen muss". Modell dafür sei die soziale Marktwirtschaft. "Das europäische Modell von Freiheit, die sich an sozialen Ausgleich bindet, trägt Hoffnung in die Welt. Die Soziale Marktwirtschaft kann jetzt international den Durchbruch schaffen. Wir haben die Chance, eine Globalisierung zu gestalten, die allen zugutekommt", sagte Köhler.

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