Finanzkrise
Merkel avanciert zur Krisenmanagerin

Eine Woche lang hat Angela Merkel ihrem Finanzminister den zentralen Platz im Krisenmanagement überlassen. Prompt avancierte Peer Steinbrück (SPD) nach der ersten Rettung der Hypo Real Estate zum Medienstar. Doch spätestens seit Mitte vergangener Woche hat sich das Bild geändert.

HB BERLIN. Zwar operiert Steinbrück zusammen mit der Bankenaufsicht (BaFin) und der Bundesbank immer noch am offenen Herz der deutschen Finanzwirtschaft, um den Patienten am Leben zu erhalten. Aber in der Öffentlichkeit hat nun die CDU-Kanzlerin die Rolle übernommen, über die Operation zu berichten. Für heute hat sie eine Regierungserklärung im Bundestag angekündigt.

Dabei hat die Kanzlerin den Rettungs-Gipfel der vier großen EU-Staaten in Paris noch mit ziemlicher Zurückhaltung besucht. Das Misstrauen in Berlin war groß, dass Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sie zu einer teuren europäischen Auffanglösung verführen wollte. Dennoch ist seit dem medienwirksam inszenierten Krisengipfel allen klar: Die Kanzlerin redet maßgeblich mit. Das hat sie zwar bereits vor zwei Wochen getan, noch am Montagmorgen um 1.30 Uhr mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann telefoniert, um die 35-Milliarden-Bürgschaft für die Hypo Real Estate zusammenzuzimmern. Aber da spielte nach außen noch der Fachminister die Hauptrolle.

Das ist jetzt anders. Nun wird kein Geheimnis mehr daraus gemacht, dass sich Merkel an diesem Sonntag im Koalitionsausschuss per SMS über die Verhandlungen für das zweite Rettungspaket für die Hypo Real Estate unterrichten ließ - und Anweisungen schickte. Und am Montag prangte vom Titelblatt der "Bild"-Zeitung in riesiger Schrift "Merkel gibt Staats-Garantie für ALLE Sparer". Das freut die Strategen im Bundeskanzleramt.

Denn Steinbrück passiert damit etwas, was schon andere Minister vor ihm erlitten haben: Wird ein Thema zu wichtig, ist die Chefin dran. Ob es um den Gesundheitsfonds geht, die Sorge der VW-Arbeite oder den Krieg in Georgien: Solange Konflikte nur köcheln, dürfen die Kabinettsmitglieder ran. Kochen Konflikte hoch, kommt die Chefin. "Völlig normal" sei dies, wird in der Regierung abgewiegelt. Die Bürger erwarteten Führungskraft gerade von der Kanzlerin. Und wenn es um eine Billion Euro geht wie bei dem Sparer-Schutz, wolle man doch gerade wissen, was denn die Regierungschefin selbst von solchen Plänen hält.

Doch es gibt auch einen parteitaktischen Aspekt. Denn Krisen sind auch eine Chance zur Profilierung. Schon Merkels Vorgänger Gerhard Schröder stand deshalb mit ernstem Gesicht und mit Gummistiefeln im Oderhochwasser. Die Bürger lieben es, einen "Kümmerer"-Politiker an ihrer Spitze zu sehen. Auch Merkel versucht, in der Finanzkrise diese Rolle zu spielen.

Allerdings - nicht jede Krise taugt zum überzeugenden Krisenmanagement, das sieht man im Kanzleramt durchaus. Denn beim Hochwasser kann man sicher sein, dass das Wasser irgendwann wieder abfließt. Bei der derzeitigen Finanzmarktkrise dagegen muss auch Merkel auf Sicht fahren. Entscheiden kann sie nur auf Grundlage der Informationen, die sie vom Finanzminister, von der BaFin und der Bundesbank erhält. Und nicht einmal die Akteure auf den Finanzmärkten selbst wissen, was noch kommt.

Noch aber hat Merkel Glück: Die Dramatik eines wichtigen EU-Kollegen, der vor wenigen Tagen um 4.30 Uhr aus dem Bett geschmissen wurde, um innerhalb von zwei Stunden schlaftrunken entscheiden zu müssen, eine angeschlagene Bank zu verstaatlichen, ist ihr bisher erspart geblieben. Auch die politische Absichtserklärung an die Sparer, dass ihre Einlagen sicher sind, ist nicht das Werk dramatischer Minuten. Vielmehr hatten sich Merkel, Steinbrück, BaFin und Bundesbank über einen solchen Schritt schon vor Tagen geeinigt. Am Sonntag ging es nur um die Frage, ob die Krise so groß ist, dass ein solches Zeichen der Beruhigung nötig ist.

Sinkt die Aufregung an den Finanzmärkten wieder, würde Merkel sich anderen Themen zuwenden. Aber für Steinbrück ist dennoch keine Entspannung angesagt: Längst hat die Union so viel Geschmack am Finanzministerium gefunden, dass es bei einer Neuauflage der Großen Koalition nicht mehr an die SPD fallen soll.

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