Finanzminister
Der geräuschlose Herr Schäuble

Still und leise übernimmt Wolfgang Schäuble das Finanzressort. Ohne große Personaldebatten, ohne Entlassungswelle. Der Minister setzt auf Kontinuität. Und auf erfahrene Beamten. Selbst wenn sie von der SPD sind. Das passt nicht allen in den Kram.
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BELIN. Am Ende des Programms ist es Martin Walser, der noch einmal daran erinnert, wer den Literaturabend organisiert hat. "Wer könnte widerstehen, wenn Peer Steinbrück zu einem Leseabend bittet", sagt der 82-jährige Schriftsteller im riesigen Europasaal des Bundesfinanzministeriums. Dann zögert er kurz: Doch, auch Wolfgang Schäuble schätze er als Minister sehr.

Der neue Ressortchef von der CDU ist da längst in die Gastgeberrolle für den Abend mit Autorenlesungen hineingewachsen - im gleichen Stil, wie er fünf Tage zuvor das Ministerium von Steinbrück übernommen hatte. Er dankt seinem SPD-Vorgänger, der wieder in der ersten Reihe sitzt, erzählt, dass sie beide in der alten Bundesregierung auch die Liebe zu Büchern verbunden habe, um dann über die Historie des Gebäudes - von Göring über Ulbricht, die Treuhandanstalt und den Regierungsumzug von Bonn nach Berlin - zum Lesungsthema Mauerfall, zu Globalisierung und Krisenbewältigung zu kommen.

Für diese Aufgabe setzt Schäuble auf Kontinuität: "Ich vertraue Ihnen", hatte er bei der Amtsübergabe den Beamten versprochen. "Der meint das tatsächlich ernst", sagt - noch immer perplex - später beim Empfang in der Eingangshalle einer, der sich über eine Entlassungsurkunde nicht gewundert hätte.

Das Ministerium muss funktionieren, einen längeren Übergang könne sich das Land doch wegen der Krise und der desolaten Haushaltslage gar nicht leisten, sagen die, die etwas näher an Schäuble dran sind. Deshalb wolle der Minister Haushaltsstaatssekretär Werner Gatzer und Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen tatsächlich behalten - und zwar dauerhaft. Ministerialbeamte, so Schäubles Philosophie, dienten der Regierung - manchmal auch unabhängig von der eigenen Überzeugung. Deshalb sei die politische Farbe gar nicht so wichtig. Unglücklich darüber sei allerdings die CDU/CSU-Betriebsgruppe im Ministerium, wo viele Aufstiegsträume platzten.

So hat der neue Finanzminister - neben den neuen parlamentarischen Staatssekretären - erst vier Schlüsselpositionen mit Vertrauten besetzt: Die Grundsatzabteilung leitet künftig der Finanzexperte Markus Kerber, als Chef des Leitungsstabs brachte Schäuble seinen langjährigen Vertrauten Bruno Kahl mit, und zum Sprecher des Finanzministeriums machte er Michael Offer.

Für etwas Unruhe im Personaltableau sorgte erst Walther Otremba, der neue Steuerstaatssekretär. Als er am Montag aus dem Wirtschaftsministerium wechselte, ließ er die schon vorbereitete Entlassungsurkunde für Kerbers Vorgänger Albert Peters zerreißen, weil er diesen als Steuerabteilungsleiter im Hause halten will. Posteninhaber Florian Scheurle soll weiterwandern in die Abteilung V, die sich mit Finanzbeziehungen zu den Ländern befasst. Sogar Steinbrücks persönliche Referentin hat Schäuble zur Überraschung aller übernommen.

Und so ein Abend mit Schriftstellern darf dann - wie bei Steinbrück früher - gerne lang werden. Spät noch sitzt Schäuble mit Martin Walser beim Wein.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Finanzminister: Der geräuschlose Herr Schäuble"

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  • Der "gute beamte" Herr Schäuble!

    Er bringt alle Voraussetzungen mit als "guter beamter" - Verwalten will er, Verteilen kann er, Verschieben von Zahlen beherrscht er, zuverlässig ist er, akkurat, überlegt, richtig und korrekt.

    in einer Krisenlage - einfach der falsche Finanzminister. Hier braucht es Gestaltungswille, Prioritätensetzung, Durchsetzungskraft, Kreativität und die Verschlankung der Verwaltung. Genau dass ist Wolfgang Schäuble, der treue Soldat von Frau Merkel, nicht!

    Die Finanzaufsicht - das Fass der Kreditrisiken ist noch nicht entschärft - ist volkswirtschaftlich eines der größten Probleme. Ordnungspolitisch steht Deutschland/Europa u. Amerika eigentlich auf einer "grünen Wiese".
    Es ist nicht Wolfgang Schäubles Fehler, wenn er dies nicht erkennt. Es ist der Fehler der Kanzlerin, solchen Typ von bundesfinanzminister eingesetzt zu haben - er kann nicht anders, es ist einfach sein Naturell (Gründlichkeit vor Veränderungswille). ich hoffe, dass die FDP ihrem Koalitionspartner den richtigen Weg weist - in der Union hat sonst keiner den Mut!

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