Finanzminister
Wolfgang Schäuble: Merkels Stütze

Keine Frage: Das politische Berlin kann ein Haifischbecken sein. Eben noch beliebt und mächtig, wird man auch mal schnell fallengelassen. Manchmal zahlt sich Treue aber auch aus. Wolfgang Schäuble wird in der neuen Regierung Finanzminister sein. Ein wichtiger Posten, den er dank Angela Merkel bekommt. Das Porträt eines Politikers vom alten Schlage.
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BERIN. Wer mit Wolfgang Schäuble in den vergangenen Monaten Interviews führte, merkte stets schnell, wie sehr den Allrounder in der CDU die aktuellen Fragen umtrieben. Wirtschaftskrise, Steuersenkungen, Konjunkturprogramme – gedanklich war der Innenminister vielen Fachpolitikern zumeist einen Tick voraus. Früh, schon bevor Karl-Theodor zu Guttenberg daran dachte, riet er Opel in Insolvenz zu gehen. Als Kanzlerin Angela Merkel sich vor gut einem Jahr gegen Konjunkturprogramme sträubte, mahnte er seine Partei an, die nachfrageorientierte Politik von John Maynard Keynes nicht zu vergessen.

So einer gehört an den Kabinettstisch, gleich in welchem Ressort. Jetzt hat Angela Merkel den Protestanten aus dem Südwesten mit dem wichtigsten Amt in ihrer neuen Regierung betraut – dem Finanzministerium. Das überrascht nur auf den ersten Blick. Wolfgang Schäuble kam immer für jedes Amt infrage. Als Kanzleramtsminister handelte er den Vertrag zur Deutschen Einheit aus, der auch zwanzig Jahre später noch als Glanzstück deutscher Verwaltungsarbeit gilt.

Als er 2005 das Innenressort übernahm, wurde er zum Nachfolger seines Nachfolgers. Intellektueller Dynamo seiner Partei – das demonstrierte er erneut, als er als Innenminister die Islamkonferenz ins Leben beruf – und so den Dialog mit den in Deutschland lebenden Muslimen neu belebte. Am nachhaltigsten in Erinnerung bleibt vielleicht Schäubles Rede zur Frage des Regierungsumzugs. Das war 1991! Ohne ihn würde Deutschland noch heute von Bonn aus regiert.

"Wer nicht über den Tellerrand guckt, versäuft in der Suppe", Schäuble handelte immer nach diesem Satz, den er schmunzelnd vorzutragen weiß. So einer hält sich nicht an Ressortgrenzen. Mit der Berufung Wolfgang Schäubles in das Kernressort der künftigen Regierung beweist Angela Merkel, dass sie vertrauen kann. Beide verbindet, vielleicht sollte man eher sagen, trennt, eine lange Vergangenheit. Als in der FAZ vor der Wahl folgender – anonymer – Satz über Kanzlerin Merkel erschien, schrieben ihn, wohl nicht zu Unrecht, viele Schäuble zu. „Nein, sie ist gar nicht kühl und arrogant. Sie ist charmant, sie interessiert sich, sie ist klug und hat Witz. Aber sie ist treulos.“

Das Grundvertrauen fehle, so die Analyse des Verhältnisses von Schäuble zu Merkel. Sie löste ihn als Parteichef ab, auf dem Höhepunkt der Kohl-Spendenaffäre im Jahr 2000. Sie verhinderte ihn als Kandidat von Union und FDP für das Amt des Bundespräsidenten und bevorzugte 2004 Horst Köhler. Sie ließ ihn nicht zum Zuge kommen als Kandidat für den Posten des regierenden Bürgermeisters von Berlin. Die Spendenaffäre schaffte, was das Attentat eines geistig Kranken 1990 und Behinderung nicht schafften – sie verhinderte seinen Aufstieg ganz nach oben.

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