Firmen bekämpfen Fachkräftemangel
Klasse statt Masse

Der Fachkräftemangel in Deutschland ist keine düstere Zukunftsmusik, sondern in vielen Branchen Realität. Ministerin Schavan will nun spanische Azubis locken – dabei haben viele Firmen längst eigene Lösungen entwickelt.
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Düsseldorf„Der Kampf um Talente wird immer herausfordernder“, sagt Ulrike Ehlert, Personalreferentin bei dem mittelständigen IT-Dienstleister Babiel in Düsseldorf. Der Fachkräftemangel sei in ihrem Unternehmen längst Realität geworden und werde schon bei der Nachwuchssuche deutlich: „Über die Quantität kann ich mich nicht beschweren, aber über die Qualität: von 80 Bewerbern laden wir vielleicht fünf zum Gespräch ein“.

Deutschlands höchstes Gut, das ist die Bildung. Deutschland, das ist die Nation der Dichter und Denker. Deutschland exportiert keine profanen Güter, sondern vor allem innovative Ideen. Die Wirtschaft legt sich mächtig ins Zeug, um jährlich 60.000 neue Ausbildungsplätze zu schaffen - und jetzt gehen dem Land die Lehrlinge aus?

Bundesbildungsministerin Schavan setzt auf junge Spanier, um das Problem zu mildern. Sie verhandelt am Donnerstag mit ihrem Amtskollegen José Ignacio Wert Ortega über eine Zusammenarbeit. Dabei betont sie zwar, dass sie in erster Linie den Spaniern im Kampf gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 50 Prozent helfen will. Sie sagt im Interview des ZDF-Morgenmagazins aber auch klar: „Damit können wir unseren Fachkräftebedarf ein bisschen besser decken.“

Dabei gibt es eigentlich ein starkes Arbeitskräfteangebot im eigenen Land. Im Juni waren 2,8 Millionen Menschen in Deutschland ohne Erwerb, die Arbeitslosenquote unter den Jugendlichen zwischen 14 und 34 Jahren lag bei immerhin rund acht Prozent. Und auch eine Studie des TNS Infratest Politikforschung im Auftrag der IG-Metall ergab: es gibt in Deutschland mehr Lehrstellen als Bewerber. Trotzdem bleiben viele Stellen unbesetzt, denn gute Auszubildende sind selten.

Der Fachkräftemangel bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit ist ein strukturelles Problem, das im konjunkturellen Aufschwung zunimmt. Dieses Phänomen wird in der Ökonomie als „Mismatch“ bezeichnet.


Quantität statt Qualität – viele Bewerber, wenig Fachwissen.

Die Gründe für das Missverhältnis von Angebot und Nachfrage sind vielfältig. Arbeitgeber finden immer weniger potenzielle Arbeitnehmer, die fachlich und persönlich den Ansprüchen gerecht werden. Nicht jeder 16-Jährige-Azubi ist gewillt oder finanziell unabhängig genug, um für seinen Traumjob in eine andere Stadt zu ziehen.

In der ersten Hälfte dieses Jahres wurden nach Angaben der Deutschen Industrie und Handelskammer (DIHK) etwas mehr als 190.000 Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das waren zwar etwas mehr als im Vorjahr, doch für das gesamte Jahr rechnet DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann mit einer Stagnation – und Problemen für die Unternehmen: „In fast allen IHK-Berufen sind noch Lehrstellen frei“. betont Driftmann.

Allein in der neu gegründeten IHK-Jobbörse seien zur Zeit 30.000 freie Stellen ausgeschrieben. Dem gegenüber gibt es nach Angaben des DGB ein Reservoir von rund 1,5 Millionen Jugendlichen, die keine Berufsausbildung haben.

Warum das zahlenmäßig so gewaltige Überangebot dennoch nicht ausreicht, um die Nachfrage der Arbeitgeber zu befriedigen, kann Bernadette Missalla-Overwien erklären. Sie ist Allgemeinmedizinerin mit eigener Praxis in Düsseldorf. Seit zehn Jahren bildet sie aus, doch vor allem in den letzten fünf Jahr habe das Niveau der Bewerbungen abgenommen. „Viele Schüler erfüllen oft nicht mal ein Mindestmaß der Anforderungen. Die naturwissenschaftlichen Kenntnisse haben abgenommen, die individuelle Förderung bleibt oft auf der Strecke,“ berichtet die Ärztin.

Kommentare zu " Firmen bekämpfen Fachkräftemangel: Klasse statt Masse"

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  • Fachkräftemangel, pah, so ein Schwachsinn. Wie kann denn ein Mangel an Fachkräften sein, wenn die Löhne immer weiter sinken. Als Beispiel, bei uns liegt eine Fachzeitschrift, in der stand Dez. 2011, dass das Einstiegsgehalt für einen Informatiker bei 50000 bis 70000 Euro liegt. Im Mai 2012 stnad in der selben Zeitschrift, dass das Einstiegsgehalt nun bei 30000 Euro liegt. Als Student verfolgt man die Gehaltslisten und die Einstiegsgehälter sind im Durchschnitt um 25% gesunken.
    Wir hatten uns auch mit einen Personaler von einem großen dt. Unternehmen unterhalten und er hatte vor gesagt das mit Absicht von einem Mangel an Fachkräften geredet wird, da so der Staat mehr Schülern das Studium ermöglichen, mehr Studenten von irgendwo hergeholt werden oder Arbeitsplätze verlagert werden und die Löhne können dadurch immer mehr gesenkt werden.
    Also hört auf so einen Sch. von Fachkräftemangel zu verbreiten.

  • Früher mussten Lehrlinge, "Lehrgeld", für ihre Ausbildung zahlen. Vielleicht sollte man das wieder einführen, dann wäre das Interesse bei der Ausbildung, etwas zu lernen, grösser?!
    (Bitte Kommentar nicht zu ernst nehmen)

  • nix wie ab nach brasilien, wenn der master fertig ist.

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