Flächentarifvertrag
Tarifbindung sinkt auf neuen Tiefpunkt

Zwei Drittel der deutschen Unternehmen sind keinen Tarifverträgen mehr verpflichtet – und nur noch 50 Prozent der Arbeitnehmer fallen unter diese Verträge. Doch auch wenn immer weniger Firmen an die flächendeckenden Absprachen gebunden sind, heißt das nicht, dass die Löhne zwingend vom Tarif abweichen.

BERLIN. Nur noch jeder dritte Betrieb in Deutschland ist an einen Flächentarifvertrag gebunden. Zugleich arbeitet nur noch etwas mehr als die Hälfte der Beschäftigen in einem Betrieb, für den ein Flächentarif gilt. Damit hat die Tarifbindung in ihrer klassischen Form einen neuen Tiefpunkt erreicht. Das zeigt eine aktuelle Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Basis ist das Betriebspanel 2006 des zur Bundesagentur für Arbeit gehörenden Instituts. Dafür werden jährlich 16 000 Betriebe und Verwaltungen befragt.

Den Ergebnissen zufolge galten in den alten Bundesländern 2006 noch für 57 Prozent der Beschäftigten branchenweite Tarifverträge. Seit 1996 ist das ein Rückgang um zwölf Prozentpunkte. Im Osten sank die Tarifbindung in der gleichen Zeit sogar von 56 auf 41 Prozent. Während sich der Flächentarif im Osten in jüngster Zeit jedoch stabilisiert zu haben scheint, hält im Westen die Erosion an.

Noch ausgeprägter zeigt sich diese Tendenz am rückläufigen Anteil tarifgebundener Betriebe: Allein seit 2000 ist ihr Anteil im Westen von 45 auf nur noch 37 Prozent gesunken, wie das IAB auf Anfrage ergänzend mitteilte. Im Osten bröckelte er von einem ohnehin niedrigen Niveau um weitere drei Punkte auf 20 Prozent ab. Dass die Tarifbindung unter den Beschäftigten im Vergleich höher ist, liegt an einer stets überproportional hohen Tarifbindung größerer Betriebe.

Tatsächlich wird die Bedeutung des Flächentarifs von diesen Daten allerdings ein Stück unterzeichnet, wie nicht nur Gewerkschafter regelmäßig anmerken, sondern auch das IAB anerkennt. Denn tatsächlich gebe es neben den direkt an Tarifverträge gebundenen Firmen eine Reihe von Betrieben, die sich in der Praxis auch ohne formale Bindung daran orientieren. Nach den Erkenntnissen des Instituts profitierten auf diese Weise im vergangenen Jahr immerhin weitere 18 Prozent der Beschäftigten im Westen und sogar 22 Prozent im Osten faktisch ebenfalls von einem Flächentarif.

Daneben gilt laut IAB für weitere acht Prozent der Beschäftigten im Westen und 13 Prozent im Osten ein Firmentarifvertrag. Anders als bei einem Flächen- oder Branchentarifvertrag, den Arbeitgeberverbände für ihre Mitgliedsfirmen mit der Gewerkschaft abschließen, ist bei Firmentarifen das Unternehmen direkter Vertragspartner der Gewerkschaft. Hier deutet sich aktuell gerade in den neuen Ländern eine interessante Tendenz an: Während im Westen der Anteil der Beschäftigten im Bereich von Firmentarifen seit einiger Zeit stagniert, nahm er im Osten binnen Jahresfrist sogar um zwei Prozentpunkte zu.

Neben einem Austritt aus dem Arbeitgeberverband haben Firmen oft die Option, durch Abschluss eines betrieblichen Bündnisses mit der Belegschaft vom Flächentarif abzuweichen – ohne die Tarifbindung formal aufzugeben. Der Anteil der Betriebe mit solchen Bündnissen lag laut IAB im vergangenen Jahr mit zwölf Prozent um einen Punkt niedriger als noch 2005.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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