Flüchtlinge im Mittelmeer
Wenn Urlauber auf Flüchtlingsboote treffen

Das Mittelmeer ist ein beliebtes Revier für Wassersportler. Dabei kreuzen sie auch die Routen der Schleuser. Doch was tun, wenn Segler auf in Seenot geratene Flüchtlingsboote treffen? Eine Broschüre gibt Antworten.
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DüsseldorfAuf Flüchtlinge ist Götz Fellrath erstmals vor vier Jahren getroffen. 2011 war das, auf einer kleinen Insel mitten im Mittelmeer. Fellrath war im Ägäischen Meer auf einer Bootstour unterwegs. Für ihn nichts Neues, seit 20 Jahren ist er immer wieder gemeinsam mit Freunden auf dem Wasser unterwegs. Auf dem unbewohnten Eiland sah er einige Menschen herumlaufen, offenbar Flüchtlinge. „Wir haben die Küstenwache informiert“, erzählt Fellrath. Damals wurde ihm klar, wie nah bei einander im Mittelmeer Urlaubsgefühle und die tragischen Schicksale von Menschen auf der Flucht nach Europa liegen.

Selten sind solche Begegnungen von Seglern und Flüchtlingsbooten nämlich nicht. Meist sind es Privatleute, die als Erste auf in Seenot geratene Flüchtlingsschiffe treffen. Und auch wenn Götz Fellrath damals instinktiv richtig gehandelt hat, so herrscht doch bei vielen Unsicherheit. Was tun, wenn Flüchtlinge ins Wasser springen, sobald ein Katamaran in Sichtweite kommt? Werde ich selbst zum Schleuser, wenn Flüchtlinge an Bord meines Schiffs nach Europa segeln?

Wie Urlaubskapitäne in einer solchen Situation richtig reagieren, weiß „Pro Asyl“. Deshalb hat die Menschenrechtsorganisation eine Broschüre herausgegeben, die Kapitäne und Crew über das richtige Verhalten im Ernstfall aufklärt. „Auslöser hierfür war für uns das Massensterben im Mittelmeer“, erklärt die Organisation. Allein in diesem Jahr sind nach Schätzung der Vereinten Nationen bereits 2.500 Menschen bei ihrer Flucht über das Mittelmeer ertrunken.

Auch Götz Fellrath bekam die Pro-Asyl-Broschüre zugesandt. Diesen Sommer will er wieder raus aufs Meer – dieses Mal bei Sizilien. Dazu mietete er sich ein Boot bei Master Yachting. Die Yachtcharter-Agentur sendet seit mittlerweile gut einem Jahr jedem Kunden mit dem Leihvertrag automatisch die Broschüre zu.

„Da unsere Kunden mit zwölf bis 16 Meter langen Yachten im ganzen Mittelmeer unterwegs sind und natürlich auch die Routen der Schleuser passieren, wollten wir ihnen mit dieser Broschüre helfen“, erklärt Unternehmenssprecher Max Barbera. Man wolle keine Ängste schüren, dennoch sei Information Teil der Aufgabe des Bootsverleihs.

Aber was ist denn nun das richtige Verhalten? Der wichtigste Punkt: Helfen ist Pflicht. Mehrere internationale Vereinbarungen besagen, dass man Menschen in Seenot immer beispringen muss. Unabhängig davon, ob diese die illegale Einreise nach Europa planen oder nicht. Als Erstes gilt es daher, den zuständigen Seenotrettungsdienst oder andere nahe Schiffe zu informieren, damit diese die in Not geratenen bergen kann.

Helfen heißt daher nicht zwangsläufig, dass man alle Flüchtlinge an Bord aufnehmen muss – zumindest nicht, wenn keine akute Lebensgefahr besteht oder man sich durch deren Aufnahme selbst in Gefahr begibt. Erste Hilfe muss aber in jedem Fall geleistet werden.

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Rettung aus Seenot ist keine Fluchthilfe

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  • Also Herr Gessw. ich wäre jedenfalls ziemlich sauer, wenn Sie mich erst mit Versprechungen von zuhause weglocken, die Sie dann nicht einhalten können!

    Und tatsächlich irren Sie sich: ich will nicht für AFD promoten. Die waren vielleicht anfangs mal ein guter Ansatz für eine wiederkehrende Opposition in diesem Land. Haben sich ja aber zwischenzeitlich selbst zerlegt und sind ja ziemlich ruhig geworden, nach dem sie in ein paar Parlamente eingezogen sind und ordentliche Diäten kassieren. Da unterscheiden die sich ja nicht mehr wirklich von allen anderen Parteien.... :-)

  • Wie nett, dass Sie sich um die Zukunft anderer Länder sorgen :) - und auch gleich wieder die völlig unbestrittene Tatsache wiederholen, dass wir nicht "alle" versorgen können.

    Aber Sie verkennen den Umstand, dass wir tatsächlich einladen. Nicht nur, indem wir den Flüchtlingen völlig unverschämte 129€ Taschengeld pro Monat zahlen, mehr, als die Meisten bei sich zu Hause verdienen (wieso weist in diesem Zusammenhang eigentlich niemand darauf hin, dass es denen egal sein kann, wie viel 129€ dort wert sind, weil sie hier auch unsere Preise zahlen müssen? Reichtum ist eben auch relativ);
    Wir laden auch deswegen ein, weil wir als drittgrößter Waffenexporteur der Welt von fast allen Kriegen profitiert haben. Und als Dumpinglohn-Exporteur von den Krisen der PIIGS-Staaten. Ja, wir laden dem Rest der Welt zu uns ein, weil "wir" (das sind ja auch nicht alle, die soziale Spaltung ist ja relativ weit fortgeschritten, aber tun wir zum Spaß mal so, als säßen wir alle in einem Boot, passt ja auch zum Artikel) - weil wir dazu beitragen, dass es den anderen dreckig geht. Nicht so extrem wie die USA, die kommen auch bei dieser Nummer wieder gut weg, weil sie eben so weit weg sind, dass die kleinen Boote da nicht hinkommen. Aber wir leisten unseren Beitrag.

    Sie haben also Recht, es ist eine dämliche Politik - aber es ist eben auch ein dämliches Volk, das diese Politik immer wieder wählt. Und bei Ihnen habe ich irgendwie das Gefühl, dass Sie die AfD promoten wollen... Korrigieren Sie mich bitte, wenn ich falsch liege.

    Bezüglich der Versorgung: Natürlich können wir nicht alle versorgen. Natürlich hätten die sich zu Hause, mit nur etwas weniger Krieg, auch selbst versorgen können. Wäre für uns deutlich billiger gewesen. Aber wie in allen anderen Lebens- und Wirtschaftsbereichen haben wir nur den schnellen Profit gesehen, die Arbeitsplätze in Deutschland, das Totschlag-Argument für jede Diskussion über Moral. Tja. Verbockt.

  • Also, zu der Problematik gab es schon einmal einen Artikel in der Yacht. Dort wurde eigentlich empfohlen, niemanden an Bord zu nehmen, weil man dann insbes. in Italien blitzschnell im Knast ist. Und als Tourist, der sich ein Boot gechartert hat, ist man eben auch nicht so prominent wie der Skipper der Cap Anamur. Diverse Fischer sind ja wegen der Rettung Flüchtiger auch schon im Knast gelandet. Auch die deutschen Schlauchbootcowboys mit angebundener Polizeimütze haben mich auf der Ostsee schon aufgebracht. Klar, die wollen nur Geld (Wegelagerei auf dem Wasser funktioniert ähnlich wie im Straßenverkehr), schauen aber gerne auch, ob alle an Bord Ausweise haben.
    Also, ich wäre sehr vorsichtig, jemanden an Bord zu nehmen. Mit einer Info an das jeweilige MRCC über Kanal 16 sollte es eigentlich erledigt sein. Und ich hoffe, nie in die Situation zu kommen, entscheiden zu müssen, ob da gerade einer stirbt oder noch auf die Küstenwache warten kann.

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