Flüchtlinge
Im Ton vergriffen

Für ihren Leitfaden für Flüchtlinge muss die Gemeinde Hardheim im Odenwald viel Kritik einstecken. Die Formulierung sei unangemessen, kritisiert das Netz. Doch die Idee ist grundsätzlich gut. Andere Städte versuchen ähnliches.

DüsseldorfSo viel Aufmerksamkeit hat die kleine Gemeinde Hardheim in Baden-Württemberg wohl selten bekommen: Seitdem auf der Internetseite ein Dokument mit dem Namen „Hilfestellung und Leitfaden für Flüchtlinge“ abrufbar ist berichten Medien aus ganz Deutschland über das 7.000-Einwohner-Städtchen.

In dem Leitfaden werden Grundregeln zu Themen wie Religionsfreiheit und Nachtruhe gebündelt, in den Unterkünften vor Ort sollen sie den Flüchtlingen dann in der jeweiligen Landessprache zugänglich gemacht werden.

Die Grundidee des Leitfadens ist sicher nicht schlecht. Kritik regt sich im Netz, vor allem wegen dem Tonfall des Schreibens. Formulierungen wie „In Deutschland bezahlt man erst die Ware im Supermarkt, bevor man sie öffnet“ oder „Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, nicht in Gärten und Parks“ kochen nach Meinung einiger Twitter-Nutzer nur Klischees und Vorurteile neu auf. Es gibt aber auch Verständnis für die Hardheimer Verwaltung. Die äußerte sich auf Nachfrage nicht zum großen Interesse an der eigenen Idee.

Franz-Reinhard Habbel vom Deutschen Städte- und Gemeindebund hält die Idee eines kulturellen Leitfadens für gut. „Der darf natürlich nicht zu abgehoben formuliert sein“, sagt er. Es gibt bereits ähnliche Projekte in Deutschland, beispielsweise in Bad Berleburg. Auch private Initiativen bemühen sich. Im Internet kann man sich beispielsweise den „Refugee Guide“ herunterladen, auch der Flüchtlingsrat Niedersachsen bündelt Empfehlungen für Flüchtlinge in einem Leitfaden.

Weit fortgeschritten bei der Integrationshilfe ist die Stadt Witten. Sie bietet eine App – ein Programm für Smartphones – an, die Flüchtlingen bei der Orientierung in ihrer neuen Heimat helfen soll. Der „Cityguide“ war ursprünglich zur Orientierung für alle Bürger der Stadt gedacht, seit Ende 2014 enthält die App auch spezielle Hinweise für Flüchtlinge und deren Helfer.

Den Einsatz von Smartphones bei der Integrationshilfe hält Franz-Reinhard Habbel für einen guten Weg. „Die meisten Flüchtlinge haben ein Smartphone, das können wir nutzen“, erklärt er. Der Städte- und Gemeindebund will beim Thema Integrationshilfe als Drehscheibe fungieren. „Gute Ideen und Anregungen geben wir an unsere Mitglieder weiter“, sagt Habbel.

Lars-Thorben Niggehoff
Lars-Thorben Niggehoff
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter
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