Flüchtlinge in Frankfurt
„Ich bin illegal“

Während in Berlin die Konferenz zu syrischen Flüchtlingen tagt, erlebt die Bundespolizei am Frankfurter Hauptbahnhof die Folgen des Krieges Tag für Tag. Hilfesuchende erwartet dort ein Becher Wasser – und eine Anzeige.
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Frankfurt/MainMit gesenktem Kopf sitzt der dunkelhaarige Junge in Jeans und schwarzem T-Shirt auf der Holzbank. Er hat sich ganz in die Ecke gekauert. In der stundenlangen Wartezeit bewegt er sich kaum, nestelt nur mit den Händen, tippt immer wieder rhythmisch jeden einzelnen Finger an. Ab und zu zieht er ein Foto aus einer kleinen schwarzen Umhängetasche. Schaut er auf, sind seine Augen feucht.

„I'm illegal (Ich bin illegal)“, mit diesen Worten hat sich Samir, der nach eigenen Angaben 13 Jahre alt ist, an der Tür der Wache der Bundespolizei bei Gleis 24 am Frankfurter Hauptbahnhof gemeldet – allein. Außer einer blauen Jacke und seiner etwa DIN-A4-großen Tasche hat er nichts aus Afghanistan mitgebracht. Englisch spricht er mit Ausnahme dieser Worte nicht.

Samir ist einer von Dutzenden Menschen aus Krisengebieten, die derzeit täglich am Frankfurter Hauptbahnhof ankommen. „Flüchtlingsstrom am Frankfurter Hauptbahnhof hält an“, lautet beispielsweise der Titel einer Polizeimitteilung. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl der Hilfesuchenden enorm gestiegen, sagt Polizei-Sprecher Ralf Stroeher: Bis Ende September sind schon mehr als 1350 Menschen am Verkehrsdrehkreuz gestrandet. Im Vorjahr waren es bis Ende August rund 700, 2012 im ganzen Jahr nur 500.

Nach Angaben von Stroeher kommen sie mit bestimmten Zügen etwa aus Paris, andere werden direkt vor dem Hauptbahnhof aus Transportern abgeladen. Viele klingeln selbst bei der Bundespolizei, aber Beamte sprechen auch Menschen direkt im Bahnhof oder den Zügen an.

„Syrien, Afghanistan, Eritrea oder Somalia – das sind die Hauptländer. Der Rest ist querbeet“, sagt der Sprecher. Sehen sie dann einen Beamten, wüssten die meisten schon, was zu tun ist: Mit Wörtern wie „Asyl“, „Help“ oder „No Passport“ geben sich die Menschen als Flüchtlinge zu erkennen. Die Wörter haben Schleuser ihnen auf ihrer Flucht eingeschärft, auch wenn die meisten nur die Sprache ihrer zurückgelassenen Heimat sprechen.

„Vor allem den Kindern sieht man an, wie strapaziös das alles ist“, sagt Polizeiobermeister Philipp Sondergeld, der gerade eine Zwölf-Stunden-Schicht hat. Statt mit den üblichen Delikten am Hauptbahnhof wie Drogen, Handtaschenraub oder Schlägereien beschäftigen sich der junge Beamte und seine Kollegen derzeit hauptsächlich mit den Flüchtlingen. Verstärkung hat das Team trotz der neuen Aufgabe nicht bekommen.

Fast alle der Ankommenden seien ruhig und warteten das Prozedere ab, schildert Sondergeld: „Sie wollen ja wirklich Hilfe.“ Manche weinten auch. „Ich habe schon Familienväter gehabt, die bei mir in der Vernehmung zusammengebrochen sind, weil sie ihre Kinder ermordet im Straßengraben gefunden haben.“

Nachdem er einen Becher Wasser bekommen hat, wird auch Samir wie alle anderen als erstes „erkennungsdienstlich erfasst“: Das heißt unter anderem ein Foto, Fingerabdrücke nehmen, Beamte durchsuchen seine Sachen. In einem Raum im Keller der Wache muss er sich komplett ausziehen. Dann folgt die Vernehmung, zu der bei Samir telefonisch ein Dolmetscher zugeschaltet ist. Routinemäßig wird jeder Flüchtling - bis auf Minderjährige wie Samir - direkt auch wegen illegaler Einreise angezeigt. Im Asylverfahren wird diese dann aber auf Grundlage der Genfer Flüchtlingskonvention eingestellt.

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  • Nachtrag
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    Hier der Link zu dem Artikel:
    Quelle: Welt
    Titel: Niedrige Abschiebezahl lockt Flüchtlinge an
    Link: http://www.welt.de/politik/deutschland/article133533153/Niedrige-Abschiebezahl-lockt-Fluechtlinge-an.html

  • Auf dem Weg ins gelobte Land
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    Hier droht ihnen keine Abschiebung.
    Hier bekommen sie sofort Hartz IV, Unterkunft, etc.
    Nach der "feierlichen Passverbrennung" lässt sich ihre Herkunft nicht mehr nachweisen, also dürfen sie hier bleiben.

    Mit Wörtern wie „Asyl“, „Help“ oder „No Passport“ geben sich die Menschen als Flüchtlinge zu erkennen. Die Wörter haben Schleuser ihnen auf ihrer Flucht eingeschärft, auch wenn die meisten nur die Sprache ihrer zurückgelassenen Heimat sprechen.

    Die Zahl der Asylbewerber steigt 2014 auf rund 200.000. Das Innenministerium geht davon aus, dass auch deshalb so viele Flüchtlinge kommen, weil Deutschland nur wenige abschiebt.

    Die geringe Zahl der Abschiebungen ist nach Angaben des Ministeriums ein Hauptgrund für die stark angestiegenen Flüchtlingszahlen. In Übereinstimmung mit Erkenntnissen auf EU-Ebene gehe man davon aus, dass das "bestehende Vollzugsdefizit im Bereich der Aufenthaltsbeendigung ein wesentlicher Sog-Faktor nach Deutschland ist". Auch Schleuser würden raten, einen Asylantrag in der Bundesrepublik zu stellen, weil Abschiebungen hierzulande "oftmals nicht durchgesetzt" werden.

    Es handelt sich doch um "hochqualifizierte Fachkräfte" auf die Deutschland angewiesen ist. Sie sichern auch unsere Renten und unseren Wohlstand.

  • „Die Leute sind ja oft auch nicht auf dem Bildungsstand, wie wir es hier gewohnt sind.“
    Ist doch gelogen. Sie sind doch hochgebildet und wir dürfen uns glücklich schätzen, dass sie unseren Wohlstand zukünftig sichern.

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