Flüchtlinge kommen zu Wort
„Der Weg ist der Tod“

Adnan flüchtete gleich vor drei Gruppen aus Syrien: vor Assad, der kurdischen Partei und dem Islamischen Staat. In Syrien arbeitete er als Bildhauer. Sein Lebenswerk wird gerade Stück für Stück zerstört.

Adnan (45)
Syrisch-Kurdischer Bildhauer

Ich komme aus Efrain, einer kurdischen Stadt mitten in Syrien. Sie liegt sehr nahe bei Aleppo. Ich bin Vater dreier Töchtern und Bildhauer. Ich habe in Syrien und dem Libanon gearbeitet.

Nachdem das syrische Regime die Stadt verlassen hatte, wurde sie von der Kurdischen Demokratische Partei übernommen. Dennoch regieren sie Efrain genauso wie das Regime von Bashar al-Assad, nämlich mit Eisen und Blut.

Die Partei begann Kinder als Soldaten auszubilden, um das kurdische Territorium unabhängig zu machen und eine Art Selbstkontrolle zu etablieren. Sie nahmen sogar Mädchen ins Militär – das machte selbst das Assad Regime nicht. Und genau aus diesem Grund beschloss ich, mit meinen Töchtern aus Efrain zu fliehen.

Ich rannte vor drei verschiedenen Gruppen weg: dem syrischen Assad-Regime, der kurdischen Partei und der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Ich musste alles zurücklassen, meine Wohnung und meine Arbeit, um vor allen drei Mächten zu fliehen.

Ich mache mir oft Sorgen um meine Skulpturen in Syrien. Ich weiß, dass viele von ihnen von den Bomben zerstört worden sind. Aber ich habe Angst, zurückzukehren und mein Lebenswerk zerstört zu sehen.

Wir sind in die Türkei gegangen und waren einige Tage dort. Ich fand türkische Schmuggler und bezahlte ihnen Geld, damit sie mich und meine drei Töchter nach Deutschland schmuggeln. Meine Frau ist noch in Efrain. Ich hoffe, dass ich bald genug Geld habe, um sie auch hierher zu bringen.

Der Weg nach Deutschland war sehr hart. Wir haben einen syrischen Ausdruck dafür: „Der Weg ist der Tod. Man sollte seinen Sarg vorbereiten, bevor man losgeht.“ Die Reise über das Meer war besonders hart. Aber auch der Weg zu Fuß. Wir sind zehn Stunden von Griechenland nach Ungarn gelaufen.

Ich habe meinen Vater, meine Mutter und meine Brüder in Syrien zurückgelassen. Ich erreiche sie über Whatsapp und schaue jeden Tag, ob es ihnen gut geht. Aber sie können mich nicht immer erreichen, weil sie keine Elektrizität haben. Ich hoffe, ich werde nach Syrien zurückkehren können, wenn alles vorbei ist.

Ich bin hier immer hungrig und fühle mich als Bettler. Ich frage mich manchmal, ob ich nicht doch lieber in Syrien hätte bleiben sollen.

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