Flüchtlinge und Altersstruktur
Massen-Zuzug kann Überalterung nur dämpfen

Flüchtlinge und höhere Geburtenrate, beides wird nicht verhindern, dass Deutschlands Bevölkerung weiter schrumpft – melden die Statistiker aus Wiesbaden. Aber: Die Alterung kann immerhin abgemildert werden.

BerlinEine Million Flüchtlinge im vergangenen Jahr erschüttern die Republik – doch die Statistiker bleiben gelassen. Ob diese Flüchtlinge die Bevölkerungsentwicklung nennenswert beeinflussen, könne man heute noch nicht sagen, heißt es beim Statistischen Bundesamt. Schließlich könnten sie wegen dieser „Sonderentwicklung“ nicht schon die Prognose für die Netto-Zuwanderung der nächsten Jahre nach oben setzen.

Die Alterung der Bevölkerung kann allerdings verlangsamt und gedämpft werden – zumindest wenn die Zuwanderung dauerhaft ansteigt.

Ohne Zuwanderung wird die Gruppe derer zwischen 20 und 66, die entscheidend ist für den Arbeitsmarkt und die Finanzierung der Renten bis 2014 um rund ein Viertel - also 13 Millionen - auf etwa 38 Millionen sinken. Um das auszugleichen bräuchte Deutschland dauerhaft ein Zuzug von etwa 470 000 jüngeren Menschen pro Jahr, rechnet das Bundesamt vor – also etwa so wie 2014. Das wäre über die nächsten 25 Jahre ein Zuzug von mehr als 11 Millionen Menschen.

Und selbst wenn bis 2040 insgesamt rund 8,5 Millionen Menschen nach Deutschland kommen würden, nähme diese entscheidende mittlere Altersgruppe noch um rund fünf Millionen Menschen ab.

Für die ältere Bevölkerung ab 67 Jahre – die in der Regel nicht mehr erwerbstätig und auf Rente angewiesen ist - gehen die Statistiker davon aus, dass ihre Zahl bis zum Jahr 2040 von heute 15 auf dann mindestens 21,5 Millionen steigt. Daran dürfte sich nicht allzu viel ändern, weil Zuwanderer in der Regel jünger sind.

Einen dämpfenden Effekt auf die Alterung Deutschlands hatte auch schon die massive Zuwanderung Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Damals wanderten neun Jahre lang im Schnitt mehr als 500 000 Menschen zu. Später sanken die Zahlen wieder massiv, 2008/2009 gab es sogar eine kleine Netto-Abwanderung. Seither ist die Zuwanderung kontinuierlich gestiegen. 2014 kamen fast anderthalb Millionen Menschen – die Hälfte davon aus der EU. Gleichzeitig verließen 914 000 das Land – der Saldo lag somit erstmals seit 1992 wieder über einer halben Million.

Neben der Zuwanderung ist die Geburtenrate die entscheidende Größe für die Entwicklung er Bevölkerung. Doch obwohl die Geburtenzahl pro Frau zuletzt auf 1,47 Kinder gestiegen ist – das war der höchste Wert seit der Wiedervereinigung – ist auch hier zumindest keine Trendumkehr zu erwarten.

So würde die Bevölkerung beispielsweise bei einer gleichbleibend „stärkeren Zuwanderung“ von im Schnitt 230 000 Menschen pro Jahr und einer anhaltend niedrigen Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau bis 2040 um rund zwei Millionen auf 79 Millionen sinken.
Steigt hingegen die Geburtenrate bis 2028 weiter auf 1,6 Kinder pro Frau und bleibt dann auf diesem Niveau, schrumpft die Bevölkerung zumindest deutlich weniger: Dann wären es im Jahr 2040 noch 80,6 Millionen Bewohner – also anderthalb Millionen Menschen mehr.

Dass hier durchaus große Änderungen möglich sind zeigt der Blick in die jüngste Vergangenheit: Selbst bei Frauenmit deutscher Staatsangehörigkeit stieg die Geburtenrate von 2013 auf 2014 von 1,37 auf 1,42.
Auch bei Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit war die Geburtenziffer mit 1,86 Kindern je Frau höher als im Vorjahr, als es 1,8 waren. Und weil Ausländerinnen zumindest für eine gewisse Zeit mehr Kinder bekommen – bevor sich ihr Verhalten dem der deutschen Bevölkerung anpasst - führt eine höhere Zuwanderung tendenziell dazu, dass die Gesamt-Geburtenrate steigt. Dieser Effekt kann allerdings nur eintreten, wenn bei den Zuwanderern ähnlich viele Frauen wie Männer sind. Das jedoch würde beispielsweise durch eine Einschränkung des Familiennachzuges verhindert.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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