Flüchtlinge
Wie hält ein Mensch das aus?

Krieg, Terror, Gewalt: Samer Kanjo hat genug erlebt für zwei Menschenleben. Auf der Flucht vor dem IS nach Deutschland muss er alles zurücklassen. Und doch ist der Syrer voller Hoffnung. Ein Porträt.
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DüsseldorfEin Schluck aus der Kaffeetasse, ein Blick aufs Handy. Dann beobachtet Samer Kanjo wieder das Geschehen um ihn herum; aufmerksam, interessiert. Kanjo spricht kein Deutsch, trotzdem versucht er, alles zu verstehen. Er trägt Hemd und Strickjacke, das schwarze Haar geordnet. Auf der Straße würde er nicht auffallen, in der Menschenmenge verschwinden.

Doch Samer Kanjos Leben war in den vergangenen Monaten alles andere als gewöhnlich. Auf der Flucht vor Gewalt und Wahnsinn der Terrormiliz Islamischer Staates (IS) kam er im Oktober 2014 nach Deutschland. Der 37-jährige kommt aus Kobane im Norden Syriens. Im vergangenen Jahr versank die Stadt im Chaos, als die IS-Brigaden versuchten, sie zu erobern.

Zwei Jahre zuvor: Syrien ist ein stabiler Staat, wenn auch eine Diktatur. Kanjo führt ein gutes Leben: Er hat die Handelsschule besucht, ist nun Elektriker und führt seinen eigenen Betrieb. Mit seiner Frau hat er drei Kinder. Kanjo lächelt viel, wenn er über diese Zeit spricht. Immer wieder sucht er den Augenkontakt, so als wolle er sicher gehen, dass seine Gesprächspartner alles mitbekommen. Er erzählt von seinen Schwierigkeiten mit dem syrischen Schulsystem und seinen Weg in den Beruf.

Doch dann stockt er plötzlich. Er blickt auf seine Hände, die – zuvor permanent in Bewegung – jetzt auf dem Tisch liegen. Wenn er über den Krieg spricht, steigen ihm Tränen in die Augen: Als der IS immer näher an das Zuhause der Kanjos heranrückt, beschließt die Familie zu fliehen. Von Kobane geht es in die Türkei. Die ist nicht weit weg, praktisch in Sichtweite. Doch in Sicherheit sind sie dort nicht. Wie die meisten Einwohner Kobanes sind sie Kurden. Das Verhältnis zwischen Kurden und Türken ist traditionell angespannt, seit mehr als 30 Jahren führt die kurdische Untergrundorganisation PKK einen Krieg gegen den türkischen Staat.

Auch wenn im Herbst 2014 noch die Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der Kurdenmiliz laufen, sicher fühlt sich Samer Kanjo nicht. Zehn Tage hält er er es dort aus, dann beschließt er, dass er weiter muss. Frau und Kinder muss er zurücklassen, zu gefährlich ist die Reise nach Europa – und zu teuer.

Sein neues Ziel: Deutschland. Das Land, das für ihn Sicherheit bedeutet. Was er im Internet gelesen hat, die Ware, die er für sein Unternehmen in Deutschland bestellte: alles so ordentlich, so stabil. Per Schiff soll es von der Türkei nach Italien gehen. Fünf Tage soll die Fahrt dauern, am Ende werden es elf. Was genau auf der Flucht passiert ist, warum sie so lange gedauert hat: Er erzählt es nicht. Zu schlimm sind die Erinnerungen, die Samer Kanjo in seinem Inneren vergraben hat.

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„Ein Mann muss seine Familie versorgen“

Kommentare zu " Flüchtlinge: Wie hält ein Mensch das aus?"

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  • Das ist wieder die Mitleidswelle und auf die Tränendrüsen drücken, denn das geschilderte KANN die Wahrheit sein, MUß aber nicht.

  • Wie hält ein Mensch das aus? Ein Mensch hält sehr vieles aus.

    Meine Eltern haben von 1945-1948 in einer schäbigen Holzbaracke in Schleswig Holstein gehaust, die Abteilungen zwischen den einzelnen Familen wurden mit Vorhängen hergestellt.

    Die beiden Hungerwinter 1945 und 1946 haben einer kleinen Schwester von mir das Leben gekostet.

    Ich weiß wovon ich rede.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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