Flüchtlingskrise und Terrorismus
Zwei Seiten und zwei Gesichter

Welches Gesicht soll Deutschland zeigen? Ein freundliches gegenüber den Hundertausenden Verfolgten, die bei uns Zuflucht suchen? Oder ein hartes gegenüber den Barbaren, die den Terror in unser Land tragen wollen?
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Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen und ist doch so umstritten: Deutschland muss Deutschland muss beide Gesichter zeigen. Wir dürfen Flüchtlingskrise und Terrorattacken nicht miteinander vermischen, mahnen die einen. Paris hat alles verändert, sagen die anderen. Beide Seiten haben Unrecht. Terror und Flucht sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Millionen Syrer verlassen ihr Land, viele davon aus Angst vor den Mordbanden des Islamischen Staates. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ursachen der Flucht bekämpfen will, dann muss sie vor allem den Terror an der Wurzel packen. Die Lösung der Flüchtlingskrise führt sie direkt zum Kampf gegen den Terror. Die Mahnung, dass wir beide Probleme nicht in einen Topf werfen sollen, ist zwar gut gemeint, aber politisch naiv. Populistischen Lautsprechern wie dem CSU-Politiker Markus Söder begegnet man nicht, indem man Sprach- und Denkverbote erlässt.

Natürlich ist es unzulässig und brandgefährlich, die Neuankömmlinge unter den Generalverdacht des Terrorismus zu stellen. Aber es ist eben auch leichtsinnig und unverantwortlich, wenn sich der Staat die Kontrolle über seine Grenzen und damit über die Sicherheit seiner Bürger aus der Hand nehmen lässt. Dass Terroristen über die mühsame Balkan-Route nach Europa kommen ist nach Meinung von Sicherheitsexperten zwar unwahrscheinlich. Aber ganz auszuschließen ist es eben auch nicht. Wissen doch die perfiden Terrorstrategen des IS ganz genau, dass ein Attentäter mit einem syrischen Pass und einem Registrierungsstempel in Europa einen Kampf der Kulturen entzünden kann. Die Lunte ist extrem kurz. Nicht zufällig wurde genauso ein Ausweis neben einem der Pariser Attentäter gefunden. Und nicht immer muss es sich dabei um eine so offensichtliche Fälschung handeln.

Aber auch Söder liegt mit seiner Behauptung daneben, Paris habe alles verändert. Paris hat uns die schon lange bestehenden Gefahren nur besonders schmerzhaft und besonders nah vor Augen geführt. Die Bombenanschläge im Libanon wenige Tag vor der blutigen Nacht in Paris, bei denen 40 Menschen ihr Leben verloren, waren bei uns nur eine Randnotiz. Der Libanon ist für uns seit langem ein Synonym für den alltäglichen Terror.
Wenn Paris, London, Berlin und Madrid dieses Schicksal nicht teilen wollen, müssen wir unsere beiden Gesichter zeigen: das freundliche und das harte. Das ist kein Widerspruch. Die offene Gesellschaft kann nur bestehen, wenn sie ihren Anhängern die Türen öffnet und ihren Feinden die Stirn bietet.

Kommentare zu " Flüchtlingskrise und Terrorismus: Zwei Seiten und zwei Gesichter"

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  • "Vielmehr geht es zunächst darum, endlich die Finanzquellen des Islamischen Staates trocken zu legen. ... Endlich, und das ist vermutlich das Wichtigste, der arabischen Jugend durch beständige wirtschaftliche Hilfe eine Zukunftsperspektive zu geben."

    Das ist alles sehr richtig und lobenswert vom Autor sich nicht von der Kriegshysterie anstecken zu lassen und sich nüchtern um Ursachen & Nährboden des Terrors zu kümmern. Wieso er aber das Licht der USA, der letzten verblieben Supermacht, so unter den Scheffel stellt, dass sie in obiher langer Liste erst gar nicht erwähnt wird, ist höchst merkwürdig. Glaubt er wirklich, die in ihrem politsozialen Geoengeneering einem Machbarkeitswahn verfallenen, an religösen Größenwahnsinn erinnernden Amerikaner, hätten mit all dem nichts zu tun? Dabei können die Amis unter dem Euphemismus "postnationalstaatliches Zeitalter" verklärten imperialen Ambitionen von eigenen "Primacy" doch kaum verbergen und haben einen gescheiterten Staat nach dem anderen produziert. Für den Autor und alle sonstigen vergesslichen zu Erinnerung diese Episode von "Die Anstalt":

    https://www.youtube.com/watch?v=YVbOnPIJWXQ

  • Dem Kommentar ist insoweit zuzustimmen, daß eine pauschale Vermengung zwischen der Flüchtlingsdebatte und dem islamischen Terrorismus unzulässig ist. Richtig ist indes auch die Feststellung, daß durch den Flüchtlingszustrom die Gewährleistung von Sicherheitsstandards nicht vernachlässigt werden darf, wie es heute jedoch der Fall ist, zumal nicht einmal die Anzahl der sich in unserem Land befindlichen Flüchtlinge bekannt ist.
    Darüber hinaus muss der IS auch im Nahen und Mittleren Osten militärisch bekämpft werden. Dabei kann es aber nicht angehen, daß diese Aufgabe allein vom Westen sowie Russland übernommen werden soll. Eine Diskussion darüber, warum sich nicht auch die in Europa befindlichen jungen Männer aus den vom IS besetzten Gebieten an diesem Kampf beteiligen sollen, ist durchaus gerechtfertigt. Diese können nicht ernsthaft erwarten, daß andere Mächte diese Aufgabe erledigen.

  • Der Kommentar erinnert mich an einen Artikel, den ich bereits 2006 in einer englischsprachigen Tageszeitung in Kairo gelesen habe. Der Aegyptische Autor - ein Hochschullehrer, dessen Name mir leider entfallen ist - analysierte schon damals, dass in den Koepfen der Menschen im Nahen Osten noch ein Denken vorherrscht wie in Europa des Mittelalters. Das groesste Problem fuer ihn war, dass dieses mittelalterliche Denken heutzutage in einer globalisierten Welt auf moderne Waffen trifft. Leider konnte auch der Autor aus Kairo kein Rezept liefern, wie man die geistige Entwicklung in den Laendern des Nahen Ostens beschleunigen koennte. Leider habe ich aber auch kein Patentrezept. Hierzu waere eine Diskussion hilfreich. Wie im Kommentar richtig geschrieben, kann man die Denkweise von Menschen mit Waffengewalt nicht einfach so aendern. Wie also dann? Wie wir gerade wieder gesehen haben, ist eine schnelle kulturelle Entwicklung in der arabischen Welt dringend noetig, damit nicht immer mehr Menschen dem archaischen Denken zum Opfer fallen. Bewusst schreibe ich hier "arabische Welt", weil ich zunaechst einmal den Eindruck habe, dass die Perser mental schon weiter sind und vor allem, weil es nicht unbedingt mit der Religion des Islam zu tun hat. Das groesste muslimische Land ist schliesslich Indonesien. Und mit Indonesiern oder auch anderen Muslimen aus Suedostasien gibt es eher seltener Probleme. Auch herrscht dort eine grosse Toleranz gegenueber Anhaengern anderen Glaubens und der Missbrauch der Religion fuer politische Ziele erfolgt erher seltener.

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