Flüchtlingsströme
Gauck spricht von Grenzen der Aufnahme

Bundespräsident Gauck hat angesichts der Flucht hunderttausender Menschen nach Deutschland vor einer begrenzten Aufnahmekapazität gewarnt. Deutschland stehe vor einem „fundamentalen Dilemma“, sagte Gauck am Sonntag.

MainzDie Euphorie bei der Ankunft der Züge mit den Flüchtlingen aus Ungarn scheint verflogen. Nur drei Wochen nach den Willkommensfesten auf den Bahnhöfen spricht Bundespräsident Joachim Gauck von Grenzen bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Zwar gelte das Asylrecht für alle verfolgten Menschen. Aber im Land gehe die Sorge um: „Wird der Zuzug uns irgendwann überfordern?“

Deutschland stehe vor einem „fundamentalen Dilemma“, sagt das Staatsoberhaupt: „Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“ Wenn er Probleme wie den enger werdenden Wohnungsmarkt benenne, solle das aber nicht das Mitgefühl schwächen, erklärt Gauck. „Es soll vielmehr unseren Verstand, unsere politische Ratio aktivieren.“

Die Kirchen als Träger der Interkulturellen Woche plädieren dafür, hinter der Sorgen einflößenden Zahl von vielleicht einer Million in diesem Jahr eintreffenden Flüchtlingen einfach auf die Menschen zuzugehen, sie so aufzunehmen, dass sie einfach keine anderen mehr sind, sondern zu uns gehören. „Wer sich wirklich begegnet und sich in die Augen schaut, wird feststellen, dass das fremde Gegenüber vielleicht gar nicht so fremd ist“, rät der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, in der Predigt im Auftaktgottesdienst im Mainzer Dom.

Die Erweiterung der Kultur in Deutschland durch die geflüchteten Menschen sei kein Verlust an Identität, im Gegenteil, ergänzt der Münchener Kardinal Reinhard Marx. „Wer nicht fähig ist zur Begegnung, zur Gemeinschaft, der verkümmert.“

Gegen die vorherrschende Vorstellung von der Belastung setzen die bundesweit rund 5000 Veranstaltungen zur Interkulturellen Woche die Überzeugung, dass Menschen aus anderen Kulturen vor allem Bereicherung sind. Unter dem Motto „Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt“ reicht die Bandbreite der Veranstaltungen in 357 Orten von Gebeten mit Gläubigen unterschiedlicher Religionen bis zum „Radeln gegen Rassismus“. Kunst, Musik und Literatur wollen Brücken zu anderen Kulturen aufzeigen. „Es geht vor allem darum, Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenzubringen“, sagte die Kurdin Nihal Bayram vom Migrationsbeirat der Stadt Mainz.

Bedford-Strom und Marx waren Anfang September bei der Begrüßung von Flüchtlingen im Münchener Hauptbahnhof dabei. Der EKD-Ratsvorsitzende spricht von den bewegenden Szenen dort und greift Gaucks Bild auf, das der Bundespräsident Ende August geprägt hat: „Wir haben ein helles Deutschland erlebt, das nicht gefragt hat, woher jemand kam, welche Sprache er spricht oder welcher Religion er angehört - auch nicht ob er hätte bleiben können“.

Aber der Geistliche reiht sich auch ein in den wachsenden Chor derer, die davor warnen, „dass die überwältigende Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung kippen könnte“. Zumindest in Mainz ist davon nichts zu spüren. „Man darf das auch nicht herbeireden,“ sagt die rheinland-pfälzische Integrationsministerin Irene Alt (Grüne) der Deutschen Presse-Agentur. „Die Stimmung ist toll.“

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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