Förderschulen
Milliarden für eine Sackgasse

Fünf Prozent aller deutschen Schüler lernen in Förderschulen - und diese sind teuer: Rund 2,6 Milliarden Euro im Vergleich zu normalen Schulen kosten sie jährlich extra. Und dabei gilt der Bildungsweg noch nicht einmal als besonders sinnvoll. Künftig wollen die Kultusminister deshalb eine Integration der Förderschüler ins normale System schaffen.
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BERLIN. Auf der Tagesordnung des Bildungsgipfels standen ursprünglich auch die rund 400 000 deutschen Förderschüler. Wegen des Streits ums leidige Geld, kamen die Regierungschefs aber nicht dazu, sich mit diesem Zweig des Schulsystems zu befassen. Doch die Stoßrichtung ist klar: Künftig sollen die Kultusminister diese Kinder möglichst ins normale System integrieren. Nebenbei sparten sie so Ausgaben in Milliardenhöhe.

Heute lernen rund fünf Prozent aller Schüler in "Sonderschulen", wie die Förderschulen früher hießen. Im Vergleich zu normalen Schülern kostet die besonders aufwendige Betreuung jährlich 2,6 Mrd. Euro zusätzlich, heißt es in einer Studie des Bildungsforschers Klaus Klemm für die Bertelsmann Stiftung. Werden sie in normale Schulen integriert, sinken nicht nur die Kosten - die Kinder profitieren auch. Dazu kommt, dass Deutschland ohnehin eine Uno-Konvention umsetzen muss, die die Integration von Behinderten ins allgemeine Schulsystem fordert.

Statt "Jahr für Jahr viel Geld für einen Sonderweg auszugeben, der für zu viele Kinder in der Sackgasse endet", sollten die Länder das System so umbauen, dass die meisten Förderschüler an allgemeinen Schulen unterrichtet werden können, fordert Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung und Ex-Wissenschaftssenator in Hamburg.

"Die Kinder machen bessere Fortschritte, wenn sie an einer allgemeinen Schule lernen können", schreibt Klemm mit Verweis auf pädagogische Untersuchungen. "Werden sie in eigens für sie geschaffenen Förderschulen unterrichtet, entwickeln sie sich ungünstiger, je länger sie dort sind". Drei von vier Schülern an Förderschulen schaffen keinen Hauptschulabschluss. Damit stellen sie rund die Hälfte der Schulversager. Die Gesamtquote der Schulabbrecher beträgt acht Prozent - sie soll bis 2015 halbiert werden.

Im internationalen Vergleich geht Deutschland mit der Trennung ohnehin einen Sonderweg. In Italien, Spanien oder Skandinavien werden fast alle Kinder mit Förderbedarf an allgemeinen Schulen unterrichtet - bei uns nur 15 Prozent.

Bildungsforscher Klemm beruhigt jene, die einen negativen Effekt auf andere Schüler befürchten. Studien hätten ergeben, dass der gemeinsame Unterricht keinesfalls nachteilig sei - das gelte sowohl für schwache als auch für starke Schüler. Im Gegenteil: Durch das Zusammensein mit Förderschülern entwickelten Letztere sogar zusätzliche soziale Kompetenzen.

Die Länder agieren sehr unterschiedlich. So besuchen in Bremen die Hälfte der Kinder mit Förderbedarf den allgemeinen Unterricht. In Baden-Württemberg ist es nur jedes vierte, in Niedersachsen sind es fünf Prozent. Die Kultusminister haben vereinbart, dass eine individuelle Förderung der Problemkinder - durch zusätzliche Stunden und Betreuung neben dem normalen Unterricht - sinnvoller ist als eine institutionelle Förderung.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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